Vom Kampf gegen sich selbst

Man liest, hört in Erläuterungen und sieht auch in Videobeiträgen viele Interpretationen zum Thema Karate sei Zen in der Bewegung, über das Do, den Weg in den fernöstlichen Kampfkünsten, über die sogenannten traditionellen Werte und vieles mehr.

Auch mich treibt seit vielen Jahren der Gedanke und die Frage immer wieder um, was denn nun tatsächlich der elementare Wert, der humanistisch wertvolle Aspekt sein kann, der sich hinter der immer wieder auf‘s neue in diesem Zusammenhang doch paradoxen Beschäftigung mit dem Kampf verbirgt.

Was soll denn hier denn auch nur ansatzweise ethisch sein, wenn man Techniken erlernt, welche darauf abzielen in Anwendung Menschen körperlich zu schädigen. Nun, wir sanktionieren dies mit dem Hinweis, dass es der Selbstverteidigung dienen soll einerseits und betreiben diese Kampfkunst als sportlichen Wettkampf andererseits. Auch legen wir den Kampfkünstlern ein moralisches Manifest ans Herz, welches es zu befolgen gilt. Das sind alles gute Dinge, ganz abgesehen davon, dass das Training der Kampfkünste körperliche und auch geistige Fitness begünstigt und, nicht zu vergessen, Freude macht.

Doch ist es dies, ist dies alles, was die Meister*innen uns überliefert haben, was sie über Generationen entwickelt haben, was sie mit dem Begriff des Do, des Weges gemeint haben?

Gerne sehe ich mir Videos an, in welchen alte Meister ihre Kunst zeigen. Das ist zumeist ein Vortrag einer Form resp. Kata, mit oder ohne Waffe. Mich wundert manchmal, dass die Dynamik, die Geschwindigkeit, die Energie nicht so deutlich wird, wie es ob der hohen Meisterschaft, trotz fortgeschrittenen Alters, doch eigentlich zu erwarten wäre. Doch schaue ich mir die Sequenzen dann wiederholt an, so zeigt sich, dass die Meisterschaft weniger im äußeren Schein, als vielmehr in der geistigen Haltung zu finden ist.

Gehen wir nochmals einen Schritt zurück und betrachten wir das Wesen des Kampfes. Welchen Wert hat denn eigentlich das Kämpfen? Gilt es der Selektion des Überlegenen nach bester darwinistischer Manier? Ist es das besondere Parfüm, welches dem Sieger anhaftet? Nun, viele Antworten mag man hier ins Feld zu führen.

Nicht jeder Kampf endet mit dem Tod des Unterlegenen, glücklicherweise, gilt es anzufügen.

Jedoch was wäre, wenn wir den Kampf unter diesem finalen Gesichtspunkt des Kampfes auf Leben und Tod betrachten würden. Tod oder Leben, die einzig möglichen Alternativen. Welche Geisteshaltung würde dies voraussetzen? Wie kann man einen solchen Kampf bestreiten, ohne in Furcht zu erzittern und damit von vornherein zu unterliegen? Zu dieser Frage erlaube ich mir auszuklammern, dass man dem Kampf ggf. auch ausweichen könnte.

Kampf auf Leben und Tod. Zu wissen, dass der nächste Moment das Ende der eigenen oder der anderen Existenz bedeutet.

Man stelle sich zwei Duellanten vor, die mit erhobenem Schwert bereit stehen, den entscheidenden Schlag zu tun. Die völlige Konzentration auf das Jetzt und Hier, die Lösung von jedem anderen Gedanken, das Loslassen jeglicher hemmenden Emotion. Um dies zu bewirken, wird selbst vom Ego, vom eigenen Ich befreit. Ein Zustand, wie er von den Roshis des Zen-Buddhismus in der Erfahrung des Satori, der Erleuchtung, beschrieben wird.

Ist dies der Do, der Weg? Diese Erfahrung? Müssen wir Kampfkünstler den Kampf auf Leben und Tod suchen um den tiefsten Aspekt der asiatischen Kampfkünste zu erfahren?

Genau aber hier liegt der unglaubliche Wert der asiatischen Kampfkünste, so diese sich uns als ein Lebens-Weg offenbaren. Denn es gilt nun „einfach“ die beiden oben skizzierten Duellanten zu ein und der selben, zur eigenen Person zu machen. Das Lösen vom Ego, das Lösen von negativen Emotionen und letztlich das Lösen vom Leben und somit der Urangst vor dem Tod.

Wer sich auf dem Weg der Kampfkünste bewegen will, sollte bewusst sein, dass die erworbenen Fähigkeiten niemals zum Schaden anderer Menschen dienen, sondern dass jeder Schwertstreich, jeder Fauststoß, jeder abgeschossene Pfeil immer nur ein Ziel hat, das eigene Ego. Oder, wie Eugen Herrigel seinen Meister in dem Buch ‚Zen in der Kunst des Bogenschiessens‘ zitiert: „Jetzt eben ist die Bogensehne mitten durch sie hindurch gegangen“.

* * *

PS: Es ist noch anzumerken, dass ich als der Autor dieser Zeilen, mich auch nach fast fünf Jahrzehnten intensiven Bemühens um die Kampfkunst des Karate, noch tausende Meilen von der wahren Erkenntnis und Erfahrung sehe, doch bin ich mir des unschätzbaren Wertes des Do, des Weges, bewusst. So gesehen sind selbst kleine Schritte ein Teil des Weges und der Werte voll.

Dieter Ruh

Am Fluss

Es sind jene Zeiten der Besinnung, vornehmlich die letzten Wochen des Jahres, welche in besonderem Maße den Wunsch nach Harmonie und Frieden aufzeigen. In dieser Stimmung sind die Verse entstanden, inspiriert von den Stunden, welche ich während eines Aufenthalts in der Provence zum Jahreswechsel am Ufer der Gardon verbringen durfte.

Gedanken, in denen aber auch mitschwingt, wie endlich doch alles ist und wie manchmal in diesem Erkennen der eigene Wunsch nach Veränderung spricht.

Nun, was hindert uns daran, immer wieder diesem Wandel stattzugeben? Ich wünsche Dir Erfolg und tiefe Zufriedenheit dabei.

Alles Liebe und Gute für Dein Jahr 2020!

Herzlichst, Dieter

Hingabe und Harmonie

Wenn ich meine früheren Texte lese, diesen Gedanken nachsinne, so ist wohl den meisten Schriften eine Grundtendenz gemeinsam: Karate als einen Weg begreifen zu wollen. Einen Weg, der, wie es so schön heißt, geradlinig und treu zu zu gehen sei.

Ein schönes Ansinnen, eine Hilfestellung, denn immerhin wäre das dann doch eine Anleitung, die zwar schwer zu befolgen, aber dennoch, vorgezeichnet, die rechte Richtung weist, in welche es Fuß und Denken zu setzen gilt.

Ach, wenn das Leben und auch das Karate nur so einfach wären …

Heute, etliche Erfahrungen reicher, stelle ich mir die Frage, ob Karate nicht vielleicht besser als eine Begleitung auf dem individuellen Lebensweg begriffen werden sollte.

In meiner Erinnerung gehe ich über 40 Jahre zurück und sehe mich als weiß gewandeten, farbig bis schwarz gegürteten Karateka auf den Wettkampfflächen der Welt und in unzähligen Trainingshallen. Ich sehe mich mit großer Leidenschaft und Kampfgeist trainieren und kämpfen. Eine Zeit der jugendlichen, nahezu immer verfügbaren Kraft und der manchmal gar überbordenden Motivation.

Das wollte ich damals so erleben, ich wollte mich selbst dergestalt erleben; mich in genau dieser Art und Weise fühlen. Karate war für mich schon dazumal der perfekte Wegbegleiter.

Bald schon machten sich aber immer öfters Gedanken auf, welche nach dem „Mehr“ im Karate suchten, die Karate in seiner wahren Tiefe ergründen wollten. Ein Urgrund, der mehr sein musste, als ein Wazari oder Ippon im Kumite-Shiai, eine möglichst hohe Wertung zum Kata-Vortrag, oder eine Dominanz im Trainingskampf und in den Übungen der Selbstverteidigung. Weiterlesen

Vom Gegen- zum Miteinander

In seinem Buch „Die leere Hand“ beschreibt Kenei Mabuni (10. Dan Shito Ryu) die Technik der Flammenwolke aus der Jigen-Schwertschule. Diese Technik zielte auf eine besondere Geschwindigkeit des Schwertschlags ab. Der Schlag soll wohl in einer Zeitspanne von ca. fünf hundertstel Sekunden erfolgt sein. Das wäre tatsächlich eine unglaubliche Geschwindigkeit, bedenkt man, dass ein Wimpernschlag etwa doppelt so lange benötigt.

Ich stelle mir zwei Schwertkämpfer der Vergangenheit vor, die sich mit erhobenen Schwertern in Schlagdistanz gegenüber stehen. Bei der Geschwindigkeit des zu erwartenden Schlags ist es unmöglich, auf eine Bewegung zu reagieren. Denn jeder Gedanke und jeder Sinn wirken zu langsam, um eine Reaktion auszulösen.

Wer sich schon einmal intensiv dem Kumite gewidmet hat, der kann vielleicht meine Erfahrung nachvollziehen, dass sich gleichsam eine Glocke über Kumitepartner*in und einen selbst legt. Man taucht in das Gegenüber ein, betrachtet und betrachtet doch nicht, agiert manchmal dergestalt, dass im Anschluss nur die Verwunderung über das bleibt, was gerade geschehen ist.

So in etwa, aber noch um ein Vielfaches intensiver, kann ich mich in etwa in die oben gezeichnete Situation unserer beiden Schwertkämpfer einfühlen. In zwei Kontrahenten, die in diesem ungewöhnlichsten Moment eins geworden sind. Greift hier der Begriff der Leere?

Ich wünschte mir, dass die Beiden schließlich den Weg des Ainuke gewählt haben, den Weg des gegenseitigen Rückzugs. Weiß ich doch selber, dass gerade nach härtesten und intensivsten Begegnungen auf der Kampffläche oder im Dojo, ein Gefühl entstehen kann, welches ich nur mit höchstem Respekt oder gar Zuneigung zu dem Menschen titulieren kann, mit dem und durch den man zu diesem tiefen Erleben kommen durfte.

Warum ich diese Gedanken hier in Worte fasse? Es mag an der Weihnachtszeit liegen, dass in mir der Wunsch vorherrscht, dass das Gegeneinander zu einem Miteinander wird. Wie wir uns in den Kampfübungen des Karate in unser Gegenüber einzufinden lernen, so mag dies auch im Alltag mehr und mehr ein Weg sein zum individuellen und gegenseitigen Glück.

(Dezember 2018)

Vom Teilen

Ein Aspekt: In einem Bericht, welchen ich vor geraumer Zeit gelesen habe, wurde auf das Ergebnis von Umfragewerten verwiesen, das besagt, die Menschen in den Ländern Skandinaviens seien die glücklichsten Menschen der Welt. Eine Begründung hat mich besonders aufmerksam werden lassen, denn, so die Beurteilung, dies läge wohl an der großen Sozialkompetenz der nordischen Gesellschaften. Es wurde ein Landwirt zitiert, der ob seiner Erträge herausragend ist. Seine Aussage war, dass sein Erfolg daraus resultiere, weil er seine Saat mit den umliegenden Landwirten teile. Somit sei sichergestellt, dass kein qualitativ schlechtes Saatgut auf seine Felder gelange.

Ein Aspekt: Je länger ich Karate trainiere, es ist mittlerweile bereits viereinhalb Jahrzehnte her, dass ich diese faszinierende Kampfkunst begonnen habe, je mehr treten Elemente zutage, die jenseits des von außen Sichtbaren liegen. Ich erkenne, dass z.B. die objektiv wahrnehmbare Kraftentfaltung über Bauch und Hüfte, wie diese gewünscht ist, eine Bedeutung weit über der Optimierung von einer Angriffs- oder Abwehrtechnik hat. In unserer westlichen Kultur wird die Bauchregion weit weniger als elementares Zentrum von körperlicher Kraft und geistiger Energie wahrgenommen, als dies in fernöstlichen Kulturen der Fall ist. Was dort gewissermaßen im Genpool angelegt ist, gilt es hier nicht ohne Mühe zu erlernen. Doch ist diese Bemühung von außerordentlichem Gewinn, denn über dies Tun erfahren wir, erleben wir und bereichern wir uns um die Philosophie und das Gedankengut Asiens. Einfach so – indem wir einen Zuki üben. Ich finde das total faszinierend.

Ein Aspekt: Schon vor Jahren stand mir das Bild eines Karate vor Augen, welches ich nur zu gerne erreichen wollte. Eine Skizze eher, die ich gerne zu einem Werk gestaltet hätte, jedoch mir fehlten zur Realisierung, im übertragenen Sinne, die Farben. Inspiriert durch Meister, deren Fertigkeiten und im Besonderen deren Fähigkeit im Übermitteln des Karate hervorragend ist, verspüre ich mehr und mehr, dass sich das Bild realisiert. Ein unschätzbar großes Geschenk.

Ein Aspekt: Manchmal stelle ich mir die ganze Existenz vor, gleich einem unendlichen Spinnennetz. Wo auch immer das kleinste Zupfen auch nur die geringste Schwingung erzeugt, ist diese im ganzen Netz zu vermerken und schwingt somit auch wieder auf den Verursacher zurück. Sanft oder grob, aufbauend oder zerstörerisch, befruchtend oder destruktiv. Alles wirkt nach. Ist dieses Spüren das, was wir Gewissen nennen? Weiterlesen

Von der Erkenntnis zur Verinnerlichung

Vor wenigen Tagen in einem der gemütlichen Konstanzer Café …

Ich bekomme meinen Espresso serviert, fülle Zucker hinzu und während ich meinen Blick durch das Lokal schweifen lasse, rühre ich gedankenverloren – so nebenbei – den Zucker in den Kaffee. Und, wie ich bemerke, handeln viele andere Gäste gleichermaßen. Auch diese rühren in ihrer Tasse, den Löffel ruhig und sicher bewegend, die Milch, den Zucker, oder was auch immer für Leckereien sich in dem Gefäß befinden, unter.

Dieses Bild ließ mich tagelang nicht los. Ein Verhaltensmuster, welches wohl fast allen Menschen zueigen ist, interessiert mich immer ganz besonders.

Auch diesmal versuchte ich eine Verbindung zum Karate zu finden und tatsächlich bemerke ich bei mir, dass manchmal, ob es die Übung der Grundschule, Kata oder auch des Kumite ist, ich dies gedankenverloren tue. Es ist dann ein automatisiertes Tun, welches man als eine besondere Fähigkeit interpretieren könnte; die Wahrnehmung, dass einem das Karate so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es ‚von ganz alleine‘ funktioniert.

Kennst Du das, den Spruch: „Da bin ich darüber hinaus, das macht mich nicht mehr verrückt“? Das hört man doch immer mal wieder und vermutlich hast auch Du wie ich das schon einmal so oder ähnlich geäussert. Gemeint ist, dass man ein gewisses Verhaltensmuster, welches man an sich z.B. als negativ entdeckte soweit verarbeitet hat, dass man davon nicht mehr berührt wird. Doch, wie oft kommt es dann vor, dass eine gesteigerte Anforderung, eine etwas geänderte Ausgangssituation uns genau wieder in die Reaktion bringt, welche man vermeintlich  überwunden glaubte. Ich denke, das ist sehr menschlich.

Dies zeigt aber auch auf, wie weit sich Denken und Handlung in uns oftmals unterscheiden. Im Karate, so habe ich für mich entdeckt, finden wir einen Weg, der uns befähigt sukzessive mehr und mehr eine Erkenntnis soweit zu verinnerlichen, dass ein neues Muster uns tatsächlich irgenwann zu eigen sein kann.

Der (mein) Wegweiser:

1.) Im ersten Schritt gilt es, die Technik in der Grundschule zu erlernen und zu perfektionieren. Hierzu nutzen wir das Basis-Training mit vielen Wiederholungen. Wir binden unterschiedlichste Übungen ein, konzentrieren uns auf jede Sequenz der Technik und vieles mehr.

2.) Im zweiten Schritt prüfen wir uns und erweitern unsere Kenntnisse im Üben der Form, der Kata. Die Herausforderungen an Stand, Stabilität, Kraft, Ausdauer etc. sind im Kata-Training enorm. Die kleinste Unachtsamkeit führt zu einem unsauberen Ergebnis.

3.) Im dritten Schritt dann stellen wir unsere Fähigkeiten unter Beweis. Im Kumite, den Kampfübungen im Karate bis hin zum freien Kampf, halten wir uns den Spiegel auf besonders klare Weise vor Augen. Nun sind wir nicht mehr allein der Übung der Technik und Form überlassen, was selbst bei intensivstem Training noch eine Art Komfortbereich ist, sondern werden durch unseren Kampfpartner resp. unsere Kampfpartnerin in immer neue herausfordernde Situationen gebracht, die es gilt zu bestehen.
Hinzu kommen Emotionen, wie Angst, Aggression, Überheblichkeit usw. die es ebenfalls zu bewältigen gilt. Warum? Weil man sonst den Kampf verliert!

4.) Im vierten Schritt wird die Erfahrung aus den vorhergehenden Schritten in das erneute Üben der Form, der Kata, eingebracht. In diesem neuerlichen Üben der Kata stellen wir fest, dass wir neue Elemente in der Form entdecken, die uns zuvor noch gar nicht so gewahr waren. Wir „sehen“ Kumite-Elemente, bekommen neue Inspirationen in Technik und Timing etc. Unser Karate hat sich bewegt. Wo zuvor ein Nachahmen war, ist nun schon Interpretation, wo zuvor eine Idee war, ist nun Erfahrung usw.
(Hier meine ich jedoch nicht das „Hineininterpretieren‘ von möglichst vielfältigen Anwendungen. Diese Art eine Kata erkennen zu wollen birgt sehr häufig die Gefahr, sich in theoretischer Vielfalt zu verlieren. Es suggeriert den Eindruck, eine Kata ‚verstanden‘ zu haben. Jedoch ist eine Kata, ist das Karate nur sehr unzulänglich über den Verstand zu begreifen).
Karate ist ein in der körperlichen Übung des Kampfes intuitiv zu erfassender Erfahrungsweg. Dabei ist der Kampf im Karate niemals destruktiv. Meister/innen vieler Generationen haben es geschafft, über die hingebungsvolle, herausfordernde und oftmals harte Übung des Kampfes einen Weg der Verteidigung, Charakterschulung und Selbsterkenntnis zu entwickeln.

5.) Im fünften Schritt gilt es nun wiederum, die im oben beschriebenen Kreislauf gemachten Erfahrung in die weitere Perfektionierung der Technik einzubringen und somit einen erneuten Kreislauf zu beginnen.
Da wir gerne im Streben nach einem Ziel verhaftet sind, könnte man nun das Symbol einer sich hebenden Spirale heranziehen. Ich für mich finde jedoch den Gedanken des gleichbleibend neugierigen Schülers interessanter.
Somit stelle ich mir vor, den alten Kreislauf auszuwischen, zu löschen, zu leeren, um sodann wieder neu aufzusetzen.

Dadurch verhafte ich nicht in der Vergangenheit, hänge nicht Gedanken nach, sondern erlebe den Moment bewusst und das weitere Tun tatächlich komplett neu. Dennoch – das Erlernte, Erfahrene ist ja sowieso bereits ein Teil von mir geworden. Wie ich jede Sekunde, Minute, jeden Tag durch meine Erfahrungen ein ‚anderer‘ Mensch bin, so gilt das selbstverständlich auch für mich als Karateka. Kannst Du diesem Gedanken folgen?

Nur so können wir immer wieder vom Gestern, vom Vorher loslassen und Gedanken, Erfahrungen, Emotionen den Weg bereiten „vom Kopf in den Bauch“. Von der Erkenntnis zur Verinnerlichung.

Was für das Erlernen und Erfahren einer Kunst wie die des Karate gilt, ist gleichermaßen übertragbar auf viele, vielleicht alle Elemente unseres Lebens. Vielleicht hast Du Muße und Motivation, mal darüber nachzudenken.

Ist das alles? Das ist der Weg zur Verinnerlichung, das ist DER WEG?

Lass uns noch einmal meine anfangs geschilderte Begebenheit im Café betrachten. Der Kaffee, der Zucker, das gedankenlose Einrühren des Zuckers in den Kaffee…

Was wäre, wenn wir dies nicht gedankenlos automatisiert tun würden? Was wäre, wenn wir dies zwar ohne Gedanken tun, doch als eigener externer Betrachter verfolgen würden. Ein Betrachten unseres eigenen Tuns, ohne dass wir dies bewusst steuern? Betrachten dass „ES“ geschieht, gleichsam ohne unser Zutun? „ES“ geschieht von selbst aus uns heraus. Die höchste Form der Verinnerlichung?

Ich wünsche Dir so sehr alles erdenklich Gute auf Deinem Weg.

24 Gedanken

Der letzte Monat eines Jahres lädt zum Denken ein, ein Nachsinnen macht sich breit über den Verlauf des Jahres. Erste Resümee werden gezogen, vielleicht schon Pläne und Vorsätze für das nächste Jahr gehegt. Auch ich habe meinem Denken freien Lauf gelassen und hier in 24 Gedanken zusammen gefasst (zur Vergrößerung klicke bitte in ein Bild)

Vom Vertrauen und vom Herz

Chemin du Coeur / Frei übersetzt: „Weg des Herzens“

Kennst Du das Gefühl, Du stehst im Dojo vor dem Training, weißt darum, dass die nächsten Stunden sehr anstrengend für Körper und Geist werden und fragst Dich, warum Du das denn überhaupt machst?

Ich gebe zu, dass diese Frage immer mal wieder in mir auftaucht und nach einer Antwort verlangt. Diese Antwort kann vielfältig sein, je nach Tagesform sehr unterschiedlich und ist dennoch in einer abschließenden Eindeutigkeit, so meine Erfahrung, nahezu unmöglich zu geben. Ich habe mehr und mehr aufgehört, nach dieser schlussendlichen Begründung zu forschen und mit der Zeit wird auch die Frage immer leiser. Es ist mir einfach nicht mehr wichtig zu wissen, warum ich trainiere, ich trainiere einfach. Was daraus folgt? Ich weiß es nicht. Aber ich bin voller Vertrauen in die Kunst der alten Meister, dass über das richtige Training sich mehr und mehr in mir das manifestiert, was dem Gedankengut des Budo entspricht; inspiriert von buddhistischer Spiritualität und holistischem Weltbild.

Dem überlieferten Lehrsystem der Schüler- / Meisterbeziehung liegt in unbedingtem Maße das gegenseitige Vertrauen zugrunde. Der Schüler resp. die Schülerin geben sich vertrauenvoll der Unterweisung des Lehrers hin, der Meister weiß um dieses Vertrauen und um die Größe seiner Verantwortung gegenüber dem Schüler. Diese Methodik ist nicht als blinde Gefolgschaft zu sehen, vielmehr als ein Ausweg aus einem hinderlichen Denken, welches erst einmal alles kritisch hinterfragt. Die Beantwortung ergibt sich sich nämlich erst über das Tun, „ganz von alleine“.

Nun, so mag man mit Fug und Recht anfügen, wem kann man denn heute noch so vertrauen? Nicht wem, so möchte ich da vermerken, sondern was! Ich glaube und weiß es aus ureigenem Erleben, dass auch in dem heute (noch) verfügbaren Karate genügend Elemente beheimatet sind, die uns auf diesem Wege führen und begleiten. Weiterlesen

Vom Prinzip des Karate

6 Stunden Geburtstagstraining 2016

26.11.2016 – Geburtstagstraining im Kaimon Dojo

In dem wunderbaren Buch „Abt Munho“ (*) habe ich zwei Anekdoten gelesen, welche ich hier gerne mit Dir teilen möchte:

A) Ein Mönch sieht seinen Meister einen Fächer benutzen, tritt vor ihn und fragt, dass der Wind doch von seinem Wesen her beständig sei, es keinen Ort gäbe, den er nicht erreicht und warum der Meister dann einen Fächer benutze. Der Meister erwidert seinem Schüler, dass dieser nur wisse, dass der Wind beständig sei, aber vom Prinzip, dass der Wind keinen Ort verfehle, hätte er nichts verstanden. Der Mönch fragt nach diesem Prinzip und als Antwort benutzt der Meister den Fächer.

Das ist ein wenig schwierig zu erfassen. In der Quintessenz sagt diese kleine Geschichte jedoch aus, dass wer versucht ohne fortwährende Praxis eine Lehre zu verstehen dem gleicht, der hofft, durch bloßes Grübeln über die Beschaffenheit des Windes zu einer frischen Brise zu kommen.

B) An einer reich gedeckten Tafel sitzen hungrige Menschen mit ihren Esstäbchen und beginnen zu essen. Allerdings gibt es eine Hürde, denn die Essstäbchen sind 1 Meter lang, es ist folglich unmöglich die Speise in den eigenen Mund zu befördern. Ein großes Chaos, Hauen und Stechen beginnt, keiner wird satt.
Welch eine Freude, als die Menschen dann beginnen mit den langen Stäbchen sich gegenseitig das Essen in den Mund zu schieben, bis alle satt werden.

Verhält es sich nicht auch im Karate so, dass wir uns manchmal lieber den Duft des Karate um die Nase wehen lassen, als uns in der Praxis des Trainings Tag für Tag zu bemühen immer weiter in die Lehre einzudringen?

Karate ist ein körperlicher Weg – und Karate ist ein geistiger Weg. Der körperliche Weg im Karate schützt uns vor einer übertriebenen Vergeistigung; der geistige Weg im Karate bewahrt uns vor vor primitiver körperlicher Handlung.

In diesem Wechselspiel zwischen Körper und Geist, zwischen  permanenter Verbesserung der Fähigkeiten des Kämpfens einerseits und fortwährender Reflektion über das Wesen des Kampfes andererseits, finden wir zum Wesen des Karate. Erst in diesem andauernden Tun werden wir mehr und mehr das Prinzip des Karate erkennen lernen. Weiterlesen

Von der Vielfalt oder von der Tiefe

Yokogeri in der Gardon

Juni 2016, Training in der Gardon (Provence)

Da ich etwas technikbegeistert bin, beschäftige ich mich, ich bin versucht zu sagen selbstverständlich, auch mit den Möglichkeiten heutiger elektronischer Kommunikationsmittel, nutze diverse Messenger, kommuniziere über Chats, Email und den anderen mannigfaltigen Optionen der modernen Zeit.

Jedoch, so denke ich manchmal, was wäre denn, wenn ich diese vielfältigen Kommunikationswege nicht bedienen würde; wenn ich in althergebrachter Weise den Füllfederhalter zur Hand nehmen, ein wertvolles Briefpapier auf dem Tisch platzieren, mich bei dezenter Musik geruhsam voller Vorfreude setzen, alsdann wohl formuliert und voller Hingabe einen Brief schreiben würde?

Dies der unbedingten Tatsache bewusst, dass die Worte gut überlegt und im rechten Kontext zu Papier gebracht werden müssen, dass keine automatische Rechtschreibkorrektur und keine Zurücktaste Schreibfehler korrigiert; dass jeder Buchstabe sauber und leserlich geschrieben, final ist, dass das Ergebnis mit jedem Zeichen fertig vor mir wächst. Hastig hin gekritzelt führt zur Ablage in den Papierkorb, zur Wiederholung von Anfang an.

Kuvertiert, adressiert, frankiert, dem Briefkasten überantwortet und versandt. Wie viel Zeit ist wohl vergangen, seit dem ersten Federstrich? Und wie viel Zeit wird vergehen, bis eine Antwort eintrifft? Zeit, welche ggf. bereits neue Worte im Geiste formulierern lässt, welche dann in den nächsten Brief einfließen.

Auch im Karate meine ich eine Tendenz zu erkennen, welche der Vielfalt mehr Aufmerksamkeit widmet, als der Tiefe. Es mag der heutigen Zeit geschuldet sein, dass die Geduld und Muße, vor allen Dingen aber die Hingabe, welche es benötigt in die Tiefe zu gehen, nicht mehr so leicht vorhanden ist. Weiterlesen