Hingabe und Harmonie

Wenn ich meine früheren Texte lese, diesen Gedanken nachsinne, so ist wohl den meisten Schriften eine Grundtendenz gemeinsam: Karate als einen Weg begreifen zu wollen. Einen Weg, der, wie es so schön heißt, geradlinig und treu zu zu gehen sei.

Ein schönes Ansinnen, eine Hilfestellung, denn immerhin wäre das dann doch eine Anleitung, die zwar schwer zu befolgen, aber dennoch, vorgezeichnet, die rechte Richtung weist, in welche es Fuß und Denken zu setzen gilt.

Ach, wenn das Leben und auch das Karate nur so einfach wären …

Heute, etliche Erfahrungen reicher, stelle ich mir die Frage, ob Karate nicht vielleicht besser als eine Begleitung auf dem individuellen Lebensweg begriffen werden sollte.

In meiner Erinnerung gehe ich über 40 Jahre zurück und sehe mich als weiß gewandeten, farbig bis schwarz gegürteten Karateka auf den Wettkampfflächen der Welt und in unzähligen Trainingshallen. Ich sehe mich mit großer Leidenschaft und Kampfgeist trainieren und kämpfen. Eine Zeit der jugendlichen, nahezu immer verfügbaren Kraft und der manchmal gar überbordenden Motivation.

Das wollte ich damals so erleben, ich wollte mich selbst dergestalt erleben; mich in genau dieser Art und Weise fühlen. Karate war für mich schon dazumal der perfekte Wegbegleiter.

Bald schon machten sich aber immer öfters Gedanken auf, welche nach dem “Mehr” im Karate suchten, die Karate in seiner wahren Tiefe ergründen wollten. Ein Urgrund, der mehr sein musste, als ein Wazari oder Ippon im Kumite-Shiai, eine möglichst hohe Wertung zum Kata-Vortrag, oder eine Dominanz im Trainingskampf und in den Übungen der Selbstverteidigung.

Das Mehr! Ich suchte es in Steigerungen der Trainingsintensität, besonders in den Vorbereitungszeiten zu Prüfungen. Ich erinnere mich an die innere Enttäuschung, gerade bei den Prüfungen zu den höheren Dan-Graden, dass es trotz allen Lobes dennoch wieder “nur” ein technischer Vortrag, auch wieder “nur” ein Beweis von Kampfgeist gewesen war.

Ergo, die für mich immer wieder logische Konsequenz: Trainiere weiter, trainiere intensiver und härter, trainiere mit größerem Spirit! Wohl ahnend, aber nicht befolgend, dass ein älter werdender Körper gleich einem älter werdenden Motor eher mal vorsichtiger gefahren werden sollte. Jedoch zu verführerisch ist (vielleicht männlich) das emotionale Feedback, wenn die Kraft des Körpers so deutlich, gar bis zur Erschöpfung spürbar wird.

Und dann kamen Ereignisse, gesundheitliche Themen, welche wie keine anderen geeignet sind, das Denken plötzlich auf eine andere Ebene zu heben. Haruki Murakami, der wunderbare japanische Autor, trifft es mit dem Zitat auf den Punkt: „Wenn der Sandsturm vorüber ist, wirst du kaum begreifen können, wie du ihn durchquert und überlebt hast. Du wirst auch nicht sicher sein, ob er wirklich vorüber ist. Nur eins ist sicher. Derjenige, der aus dem Sandsturm kommt, ist nicht mehr derjenige, der durch ihn hindurchgegangen ist. Darin liegt der Sinn eines Sandsturms.“

Überschäumender Kampfesmut, meine Interpretation von Spirit, sowie Leidenschaft, stellen sich mir nun fern, als Begleiter der jungen Jahre dar. Und sind sie nicht auch tatsächlich den jungen Jahren zugeordnet? Der Zeit, in der häufig die Orientierung nach außen viel wichtiger erscheint, als jene nach innen. Die äußere Kraft, die uns die Welt zu erobern trachten lässt. Doch genau diese nach außen gerichtete Kraft tritt mit den Lebensjahren und auch mit den fortschreitenden Jahren des konzentrierten Karatetrainings mehr und mehr in den Hintergrund und macht den Weg frei für jene Kraft, die ‘ in ‘ einem wirkt.

Wo ich früher die Leidenschaft gesehen habe, erblicke ich nun die Hingabe, wo der Spirit als Kampfesmut wahrgenommen wurde, zeigt er sich nun im Erleben der Harmonie.

Will man die Leidenschaft und den Kampfesmut mit Hingabe und Harmonie ersetzen, so stellen wir uns einer großen Aufgabe. Denn wo die Leidenschaft das Ego betont, erfordert die Hingabe das Lösen davon; wo der übertriebene Kampfesmut gerne das Selbst vom Anderen trennt, wünscht die Harmonie die Verbindung.

Wenn man sich mit den Gedanken des Zen beschäftigt, so stößt man auf Koans, Aufgabenstellungen, welche der Meister den Schülern gibt, über die es zu meditieren gilt und die über die Logik nicht zu lösen sind. Eines der berühmtesten Koans ruft auf, über das Nichts “MU” nachzusinnen.

Der Begriff des Karate ist ähnlich gelagert, bedeutet doch die erste Silbe “Kara” soviel wie “Leer”. Oftmals interpretiert in der Form, dass die Karateka ja mit leeren Händen kämpfen, doch meine ich, dass dies zu profan erklärt wäre und viel eher gemeint ist, dass der Geist der Karateka leer sein soll, nicht anhaften soll, in letzter Konsequenz sich bereitwillig sogar von der eigenen Existenz lösen soll.

Denken wir uns in diese Struktur der Leere, des Nichts, des Hingebens selbst der uns so lieb gewordenen Eigenwahrnehmung ein, so führt dieses Gedankenspiel unweigerlich zu einer gewissen Auflösung des Selbst. Doch sind dies in dieser Phase nur, wie gesagt, Gedankenspiele. Diese Gedanken müssen erst noch erlebt und vor allen Dingen gefühlt werden, um sie auch nur ansatzweise verstehen zu können. Ich begreife das Karate immer mehr als ein Meer der Emotionen, das uns in unseren Grundfesten erschüttern, aber auch sanft wiegen kann; nur um uns begreifen zu lassen, dass sowohl Sturm als auch ruhiges Wasser immer nur Spiegel unserer eigenen Gefühle sind.

Willst Du die Aggression, so wirst Du diese im Kampf verspüren; willst Du die Angst, so wirst Du die Angst verspüren, willst Du den Mut, so wirst Du den Mut verspüren. So spiegelt die Beschäftigung mit dem Kampf Dein inneres Wesen wieder. Emotionen sind somit die wichtigsten Lehrmeister, wollen wir das Wesen der Kampfkunst Karate verstehen.

Und hier greift auch mein zweiter Begriff, über den ich meine Gedanken heute mit Dir teilen möchte. Dies ist die Harmonie.

Kampf und Harmonie, das hört sich im ersten Ansinnen als völlig unvereinbar an. Ich habe über dieses Phänomen bereits früher schon geschrieben, jedoch bitte ich Dich nun, Dir Deinen letzten intensiven Trainings- oder Wettkampf in Erinnerung zu rufen. War es nicht so, dass Du Dein Gegenüber versucht hast zu lesen, um die Absicht zu erfahren, um dem Angriff, der Reaktion vorgreifen zu können? Je intensiver der Kampf, je fortgeschrittener die Karateka, je mehr kommt es zu einer Kommunikation im Kampf, welche weit über das Ich und das Du hinausgeht. Man spiegelt sich förmlich gegenseitig, fühlt sich und das Gegenüber gleichermaßen, es entsteht eine ganz besondere Form der Harmonie.

Völlige Hingabe und Harmonie in der beschriebenen Form sind unabdingbar, um im Kampf bestehen zu können. Sie gehören somit zum Karatetraining ganz selbstverständlich dazu, wollen wir das Karate in seiner Tiefe üben und begreifen. Doch ist dies aus meiner Sicht auf keinen Fall so zu verstehen, dass mit den Jahren wir Karateka uns damit begnügen dürfen nur noch den sogenannten geistigen Aspekten des Karate, ich schreibe ja gerade darüber, nachzusinnen. Wie sagt es der legendäre Stan Smith: “a karateka never stops training!”

Hingabe und Harmonie, diesen Gedanken liegt nichts schwaches zugrunde, diesen Gedanken liegt sehr wohl zugrunde, sich gegen Unbill wehren zu können und sich gegen Unbill wehren zu müssen. Nicht nur gegen Unbill, der gegen einen selber anläuft sondern gegen jeglichen Unbill, der entdeckt wird und den es abzuhalten gilt. Unser Training in der Kampfkunst befähigt uns in ganz besonderem Maße hierzu. Eine Fähigkeit und eine Verantwortung gleichermaßen.

Wenn wir uns zur Meditation hinsetzen oder in eine stabile Karatestellung sinken, verbinden wir uns mit der Erde. Lösen wir uns in der geistigen Versenkung oder im Kampf von den einstürmenden Gedanken und Emotionen, können wir uns mit dem Geist der Natur, oder welchen Begriff Du wählen willst, verbinden. Harmonie hat viele Facetten.

Oben habe ich das Karate als Wegbegleiter betitelt. Es gibt viele solcher Begleiter. Welchen wir für uns wählen, das ist individuell unterschiedlich.

Wenn ich die heutige Karategemeinschaft betrachte, sehe ich viele Karateka, welche seit Jahrzehnten Karate betreiben. Bei etlichen erkenne ich mit den Jahren aber eine Stagnation in der Motivation. Man erkennt, dass die Übung nicht mehr so leicht fällt, als in den jungen Jahren, dass die Kraft schwindet, der Körper nicht mehr so willig der angedachten Technik folgt. Das Kampftraining ist nicht mehr mit so viel Erfolg verknüpft, gerade, wenn man sich mit jüngeren Karateka misst. Die Übung der Kata lässt den Schwung und die Dynamik früherer Jahre vermissen und vieles mehr.

Ich denke, dass eine Änderung der Ausrichtung uns auf eine Ebene bringt, die weit über dem liegt, was wir uns bislang ausgemalt haben.

Hingabe und Harmonie ist die Neuausrichtung, welche ich für mich gewählt habe. Wenn ich ins Dojo gehe und mich mit meinen Tokui Katas (bevorzugte Katas) beschäftige, so versuche ich mich dabei in maximaler Hingabe und Harmonie. Übe ich mit Partner*in, so gleichfalls mit dem Gedanken der Hingabe und Harmonie. Für das Training am Makiwara gilt gleiches usw.

Trainieren wir im Geiste der Harmonie, schwebt immer auch der Geist des Friedens mit.

Dergestalt durch das Training des Karate motiviert, versuche ich mich auch im Alltag in Hingabe und Harmonie. Ein großes Unterfangen, von dem ich weiß, daß mich dies heute und bis an mein Lebensende immer wieder vor gewaltige Herausforderungen stellen wird. Denn Harmonie differenziert nicht, ist nicht schwarz oder weiß, Harmonie ist die Farbe grau.

Ich weiß, erst wenn ich mit meinem Umfeld in Harmonie bin, kann ich die negativen Seiten meiner Eigenwahrnehmung ausblenden. Dann gehe ich ein in alles, was mich umgibt. Ich übe dies im Kampf, indem ich mich verbinde mit dem Denken und Fühlen meines Gegenübers.

Aus dieser Harmonie heraus entsteht dann keine destruktive Handlung, sondern aus dieser Harmonie heraus können wir so angemessen handeln, wie es die Situation erfordert. Wenn wir in dieser Art und Weise agieren, wird unser Kampf immer einen positiven Aspekt beinhalten. Wir werden nicht für unser Ego  kämpfen, sondern wir werden kämpfen, um etwas negatives abzuhalten. Das heißt, wir werden nicht für unseren schnöden Vorteil kämpfen, sondern werden in einem defensiven Charakter kämpfen. So ist die Aussage von Meister Funakoshi „Im Karate gibt es keinen ersten Angriff“ für micht zu verstehen. Sehr schwer zu leben, aber, wie schon oben gesagt, das Leben und das Karate sind nicht einfach …

Hingabe und Harmonie bergen in sich Ruhe und Gelassenheit, bergen in sich die Leere und das Nichts, bergen in sich die Einheit mit allem. Übe ich Karate in diesem Sinne, ist Karate dann nicht doch mehr als ein Wegbegleiter? Ist Karate dann nicht doch ein Weg?

Karate-Do – der Weg des Karate(ka)

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