Gedicht “Ich”


Ich

Das leise Bewegen
Der Blätter im Regen
Gedanken treiben leicht dahin
Forschen nach des Lebens Sinn

Ein Tropfen könnte ich doch sein
Im morgendlichen Sonnenschein
Das Nass, das sich dorthin verloren
Aus nächtlich kühlem Tau geboren

Doch falle von dem Laub ich ab
Werd’ ich vom Boden aufgesogen
Verström ich mich im sandigen Grab
So wird mein Ich mir jäh entzogen

Es wird geteilt und dient dem Grün
Dem Fluss, dem Tier zur Nahrung
Nur, wo bleibt die Identität
Ist meine Ich-Erfahrung?

Und steht die Sonne im Zenit
Entlockt den Dunst dem Boden
Steigt das, was einst mein eigen war
Kleinstens zerteilt nach oben

Vermischt sich ändert sich dabei
Mit dem unzähligen Vielerlei
Verbindet sich und nimmt Gestalt
Ein Tropfen mit neuem Gehalt

Fällt wiederum zur Erde nieder
Führt fort das grosse Spiel
Der ewige Kreislauf immer wieder
Ein Wandel ohne Ziel?

Ich frage mich, bin ich denn mehr
Als dieser Wassertropfen?
Wenn ich einst änder die Gestalt
Wo macht der Wandel halt?

Ist’s nicht vielleicht doch letzlich
Dass nichts als Einheit bleibt
Auch Seele, Geist, ja all mein Ich
Im Tod in Vielheit dann enteilt

Ich fühl den Trug erkenn den Fron
Des Lebens Illusion
Das Wesen allen Seins
Nichts eigen gibt es und kein Teil
Ich bin mit allem eins!

(Dieter Ruh)

 

vorheriges Gedicht                    nächstes Gedicht


Übersicht: Gipfel | Anfang | Wegweiser | Leben | Sein | Ich | Angst | Der Frosch