Kumite und Aggression

[ Kumite und Aggression ]

“Diesem TV-Duell der Spitzenpolitiker hat es an Aggressivität gefehlt”; der Spieler oder die Spielerin, der Kämpfer, die Kämpferin sind nicht aggressiv genug in die Zweikämpfe gegangen”…

So oder ähnlich lauten immer wieder die Kommentare und Moderationen in den Medien und auch in unseren eigenen analysierenden Gesprächen. Aggression wird als ein Mittel zum Erfolg gewertet und dargestellt; wer nicht genügend aggressiv agiert, wird als nicht ausreichend engagiert angesehen.

Im Fernsehen finden wir Sendungen, in denen aggressives Verhalten den streitenden Parteien geradezu aufgezwungen wird, um einen zweifelhaften Unterhaltungswert zu steigern. Für mich ein mehr als unsägliches Unterfangen, das ich in höchstem Masse abstossend empfinde, erinnert es mich doch an die voyeuristische Sensationsgier bei Hunde- oder Hahnenkämpfen.

Aber muss denn nicht in einem Wettbewerb, gerade einer körperlichen Auseinandersetzung, wie wir es auch im Karate-Kumite praktizieren, ein gewisses Mass an Aggression frei werden; ist es denn nicht der Durchsetzungsfähigkeit geradezu förderlich, diesem Gefühl Freiraum zu lassen?

Aus meiner Erfahrung heraus ist gerade das Gegenteil der Fall. Aggression macht uns blind, lässt uns den klaren Blick auf das momentane Geschehen verlieren. Ich möchte dies vergleichen mit einem Kreisel, der sich in höchster Geschwindigkeit dreht, dennoch stabil sein Gleichgewicht behält. Doch wird dieses Gleichgwicht gestört, so fängt er an zu trudeln und fällt um.

Genauso verhält es sich in der Grenzerfahrung des Kumite. Ruhen wir trotz höchster Anspannung konzentriert in unserer Mitte, so können wir die Situation aus einer Position der Stabilität und Stärke betrachten und beherrschen. Lassen wir jedoch zu, dass uns die Emotionen übermannen, so geraten wir ins Straucheln und verlieren.

Vor Jahren war ich bei einem buddhistischen Vortrag, welcher von Ole Nydahl, einem tibetischen Lama dänischer Herkunft gehalten wurde. Lama Ole Nydahl ist ein grossgewachsener Mann mit ganz offensichtlich trainiertem Körper und wer ihn so sieht, kann seine folgende Anekdote gut nachvollziehen:
Er schildert die Begebenheit bei einem seiner Vorträge in einem Versammlungszelt im Osten Russlands. Während seiner Ansprache wurde er immer wieder von einem Zuhörer gestört. Daraufhin sei er zu diesem gegangen, habe ihn gepackt und aus dem Zelt befördert. Ein für einen gewaltlosen Buddhisten im ersten Augenschein vielleicht seltsames Betragen. Lama Ole Nydahl versinnbildlicht jedoch die Situation so, dass ein Mensch, der ein Geschwür im Körper trägt, dieses herausschneidet bzw. entfernen lässt. Diesem chirurgischen Eingriff liegt jedoch kein aggressives Tun zugrunde, sondern einfach die emotionsfreie Notwendigkeit.

Doch wie entfalte ich nun im Kampf mein höchstes Potential, wenn es nicht über emotionale oder gar aggressive Motivation geschehen soll?

Jede/r intensiv Trainierende kennt die Situation, wenn man der Meinung ist, nicht mehr weitermachen zu können, den Wunsch hat, jetzt einfach aufzuhören. Doch dann setzt oftmals ein Mechanismus ein, der uns befähigt über diesen Punkt hinaus zu gehen, den so oft zitierten “inneren Schweinehund” zu überwinden. Es ist völlig erstaunlich, zu welchen Leistungen wir dann fähig sind. Es gibt Beweise von Müttern, die ihr Kind aus einem Autowrack befreien und dabei Kräfte freisetzen, die im sonstigen Leben nie abrufbar wären. Völlige Konzentration auf das Jetzt und auf das augenblickliche Agieren – ein Freisetzen von verborgenen Energien. Ist es dies, was man unter Ki oder Chi versteht? Wohl zumindest ein Teil davon. Aus dieser Quelle im Kumite zu schöpfen, eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten und Fähigkeiten. Diese Quelle fliesst jedoch nur dann ungehindert, wenn wir unsere Emotionen im Zaum halten.

Vielleicht hat die geneigte Leserin, der geneigte Leser selbst schon mal erlebt, dass das stürzende Glas oder die vom Tisch fallende Flasche mit raschem Griff aufgefangen wurde. Willentlich wäre uns dies vermutlich nicht gelungen, es war eine spontane Reaktion. Doch war die Tat begleitet von dem dringendsten Wunsch, dass uns dies gelingen möge, da ansonsten der Tisch überschwemmt oder der Boden voller Scherben wäre.

Ich habe in meinen Kumite immer wieder die Erfahrung gemacht, dass der Tat, der ausgeführten Technik, Abwehr oder Angriff, ein Wunschild vorangegangen ist; ein Aufblitzen, dass die Technik bereits ihr Ziel gefunden hat, bevor sie ausgeführt wurde. In diesem Moment war es schon so, wie es Bruchteile später dann in Realität wurde. Kein Denken, kein Planen, all dies wäre zu langsam, vielleicht ist der Begriff des unbewussten, absichtslosen Gestaltens zutreffend – intuitives Agieren.

Wie schreibt Eugen Herrigel in seinem wunderbaren Buch “Zen in der Kunst des Bogenschiessens”? Das Es ist es, welches schiesst und trifft.

Die menschliche Psyche ist unglaublich vielfältig und facettenreich. So hat die Aggression sicher auch ihren Stellenwert im Potpourrie der Emotionen, aber, so paradox dies auch erscheinen mag, im Kampf, im Kumite hat sie meiner Meinung nach nichts zu suchen.

Und wäre dies nicht auch einen Gedanken wert für unser alltägliches Leben, das wir so gerne als Lebenskampf betiteln?

 

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