Pfadfinder oder vom Vorausgehen

[ Pfadfinder oder vom Vorausgehen ]

“Wenn du nicht vorausgegangen, du nicht dabei gewesen wärst, dann hätte ich das nie geschafft.”

So oder ähnlich haben wir sicher alle schon einmal empfunden und gehört. Bei einer Wanderung, einer Prüfung oder ähnlichen Gelegenheiten. Dabei musste dennoch jeder Schritt alleine gegangen werden, niemand hat uns getragen, niemand die Aufgabe für uns gelöst.

Was war es, das uns geholfen hat, die Situation zu meistern? Der Gedanke, dass wenn es Andere schaffen, ich das ja auch kann? Oftmals aber ist es auch ein Folgen, ein sich führen lassen; wir gehen in den Fußstapfen der Vorausgehenden und sind plötzlich zu ungeahnten Leistungen fähig.

Doch bedarf es hierzu immer auch jener Menschen, welche neue Pfade begehen, die sich mutig aufmachen Neuland zu beschreiten, die nicht davor zurückschrecken der Bequemlichkeit des Gewohnten zu entsagen.

Ein kleines Büchlein habe ich vor Jahren gelesen, das mir hierzu in den Sinn kommt: “Die Mäusestrategie”. Es handelt von einer Mäusekolonie, die im gewohnten Umfeld keine Nahrung mehr findet und der die Vorräte ausgehen. Hungersnot droht. Sollen sie bleiben und sich weiter einschränken, oder sollen sie aufbrechen und nach neuer ertragreicher Heimat suchen, selbst auf die Gefahr hin, unterwegs das eigene Ende zu finden?

Zu allen Zeiten gab es Menschen, die sich in unbekannte Gestade aufgemacht haben, Entdecker, Pfadfinder, die vorausgegangen sind den Horizont zu erkunden und zu erweitern. Die dann davon gekündet haben, denen Menschen nachgefolgt sind und neue Heimstatt gefunden haben. Dies beschränkt sich natürlich nicht nur auf die physische Entdeckungsreise, sondern gilt für die geistige und spirituelle Entwicklung gleichermaßen.

Ich kann mich an eine unbedachte Äusserung nach einem Training in kleinstem Kreis erinnern: “Das bleibt unter uns”, sagte ich. Die wunderbare Antwort: “Dann haben aber die Anderen nichts davon”. Oh, ich einfältiger Mensch, dachte ich damals für mich und war voller Dankbarkeit für diese unvergessliche Lehre. Wie schnell geraten wir Menschen doch immer wieder in kleines enges Denken, in Stolz, in konkurrierendes Ego, sehen nicht über den Tellerrand hinaus. Wie großartig ist es hingegen, wenn man seine Kenntnisse aus vollem Herzen weitergibt, wirkt und bewirkt, schenkt und sich an der reichen Ernte erfreuen darf.

Im Karate kennen wir die Begriffe des Senpai und des Sensei. Der oder die Erfahrenere (Senpai) und Lehrer/in (Sensei). Diese Menschen übernehmen die Aufgabe Neulinge anzuleiten, ihnen Ratschläge zu geben, Wege aufzuzeigen und vor allen Dingen Vorbild zu sein. Dabei wird der Sensei sich immer auch darum bemühen, dies ebenfalls auf die geistigen Belange der Schüler auszuweiten.
Eine gewaltige Aufgabe, denn bedeutet es doch für den Senpai/Sensei, selber auf dem Weg stetig weiterzustreben, nie stehen zu bleiben, nicht zu verzagen, nicht alleine aus dem Vorrat der Erfahrung zu zehren, sondern sich selber immer weiter zu entwickeln.
Das ist beileibe nicht immer einfach, es gibt Momente, da zeigt sich der Weg nur verschwommen, manchmal ist er gar verborgen. Wonach sich dann orientieren? Ich gehe in solchen Phasen ohne besonderen Vorsatz ins Dojo und übe mich in Kihon, Kata, am Makiwara. In diesem Tun erfasst mich dann immer wieder die Faszination des Karate, öffnen sich Bilder, treten Menschen wertvoll vor meine Augen, denen ich diese Kunst vermitteln möchte. Ich spüre in meine eigenen Techniken hinein, sehe zugleich die Bewegungen der Schüler und Schülerinnen vor mir, erkenne Details, verbessere mich und erkläre in Gedanken zugleich. Wenn ich anschließend das Training Revue passieren lasse, frage ich mich, wer nun wohl Senpai/Sensei und wer der Schüler war?  Die Antwort fällt nicht schwer, ich bin immer beides in gleichem Maße.

Wer sich bewegt, wird Weggefährten finden, schicksalshaft empfundene Begegnungen, Menschen, die in uns, unserem Denken und Fühlen, in unserem Leben Großes bewirken, die uns öffnen und etwas in Gang setzen, das wir nie für möglich gehalten hätten.

Wie und wohin wir uns bewegen, ob wir dies hurtig oder in Bedächtigkeit tun, das liegt an uns selber. “Das Leben ist ein Mysterium, das gelebt werden muss” heisst es. Für das Karate gilt meiner Meinung nach das Gleiche, “das Karate ist eine Kunst, die in hingebungsvoller Übung erfahren werden muss”.