Vom Älterwerden

[ Vom Älterwerden ]

“Wenn ich einmal so alt bin, wie Du, dann kann ich auch so viel trainieren.” Diese Bemerkung konnte ich im ersten Moment gar nicht so richtig einordnen, ist doch körperliches Vermögen eher den jüngeren Jahren beigefügt, denn den späteren. Im Nachdenken wurde mir jedoch dankbar der besondere Wert dieser Aussage bewusst, denn seit ein paar Jahren konnte ich doch tatsächlich mein Trainingspensum trotz älter werdenden Körpers sukzessiv immer weiter erhöhen.

Es wäre vermessen zu denken, dass mein Körper mit den Jahren eben robuster, fähiger geworden sei, nein, auch an mir geht die Zeit nicht vorüber. Doch wo in jüngeren Jahren der Wunsch des Nachfühlens einer besonders starken Technik, ein langes Kime, das Verharren im Endpunkt der vermeintlichen Kraft, der Stolz auf diese Befähigung in mir war, ist es mir heute eher wichtig, inspiriert durch grossartige Meister, die Technik aus gefestigter Mitte sowie ruhigem Geist zu entfalten und entspannt ‘geschehen’ zu lassen.

Gelingt mir dies, so ist der Lohn in Kihon, am Makiwara, in der Kata und besonders auch im Kumite eine grösste Intensität bei minimalstem Aufwand; gelingt mir dies nicht, was leider immer noch der häufigere Fall ist, dann besteht der zweifelhafte Lohn aus Erschöpfung und längerer Regenerationszeit. Hier verspüre ich dann doch schmerzhaft den Biss des Zahns der Zeit. Gleichwohl nehme ich diese Pein gerne an, mahnt sie mich ja zur weiteren Übung. Hingegen, wie gesagt, wenn es gelingt, dann – GOLD!

In wenigen Wochen bewegt sich mein Lebensalter in das letzte Drittel der 50er, wehen mir ab und an Gedanken über das Älterwerden in den Sinn, empfinde ich einen Anflug von Endlichkeit, weiss ich um die Unabwendbarkeit des Nachlassens gerade körperlicher Fähigkeiten.

Wie so oft reflektiere ich bei Gedanken solcher Art das im Karatetraining Erfahrene, spiegele es in die Fragen des alltäglichen Lebens. Ich erkenne, dass mich das Hier und Jetzt, aber vor allen Dingen die kommenden Jahre vor die gleiche Aufgabe stellen – zu erreichen, dass Älterwerden nicht ein Weniger bedeutet, sondern ein Mehr.

Funakoshi sagt: “Im Karate gibt es keinen ersten Angriff!” Das ist keine zögerliche Komponente, sondern zeigt vielmehr ein grosses Selbstvertrauen in das eigene Vermögen, wenn nötig richtig und angemessen reagieren zu können. Eine Fähigkeit, die in jahrelangem Training erworben wurde. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, auch ein Privileg des Älterwerdens, der wachsenden Erfahrung, der stetig vermehrten Kenntnissse und Erkenntnisse.

Im Karate kennen wir die Begriffe der Tokui-Waza (Spezialtechnik) und der Tokui-Kata (Spezialkata); Elemente, welche wir getreu dem Motto “Stärken ausbauen, Schwächen vermeiden” immer weiter perfektionieren, bis sie ein fester Bestandteil unserer persönlichen Kampfkunst, ja, unserer Persönlichkeit geworden sind. Durch die körperlichen und geistigen Veränderungen, welche das Lebensalter mit sich bringen, wird dies Ureigene facettenreicher, lässt sich in immer mehr Situationen anwenden. Übertragen in unser privates Alltagsleben, ein mehr an Lebenskunst.

Vieles liesse sich hier an Parallelen zwischen diesen, der Kampfkunst und der Lebenskunst, aufführen, die genannten Beispiele können nicht mehr als kleine Denkanstösse sein. Ich weiss für mich, dass ich hier erst am Anfang stehe, in der Umsetzung noch viele Stufen vor mir habe. “Wohlan denn” möchte ich mir zurufen, “es ist Zeit!” Oder, um es mit Seneca gemäss seinem 1. Brief an Lucilius zu sagen (in der Übersetzung von Jan Mölter):

Während das Leben aufgeschoben wird, zieht es vorbei. Alles, Lucilius, ist fremdes Eigentum, nur die Zeit ist unser.

Eine Sicht, welche mich bereits Ende letzten Jahres dazu bewogen hat, die Balance zwischen Arbeitszeit und privat verfügbarer Zeit zugunsten letzterer zu verschieben, auch wenn dies materielle Einbussen bedeutet – das Erkennen, dass Zeit der einzig limitierte Faktor in unserem Leben ist. Diese Zeit mehr und mehr selbstbestimmt verbringen und nutzen zu können, erscheint mir tatsächlich als höchstes Gut.

________

PS:  Immer wieder werde ich gefragt, wie das Bild entstanden ist. Hier der Link zu einer kleinen Fotosequenz über die Entstehung

3 Antworten auf „Vom Älterwerden

Oss! Dieter Ruh!
Danke für deine Gedanken und Worte. Obwohl ich sehr weit davon entfernt bin ein Umfassendes Verständniss,..vor allem in der Praxis für den umzusetzenden Sinn betreffs des Karate zu haben, den du in deinen Zeilen zu vermitteln dich bemühst.
So tut mir die Auseinandersetzung damit doch gut.
Es ist irgendwie Musik in deiner Darstellung. Eine Schwingung. Poesie.
Ich empfinde das so. Und es berrührt mich.
Mag sein es liegt auch an der passenden Zeit für dein Thema, vom Älterwerden. Der Herbst.
Und das ich mich auch im Herbst meines Lebens befinde. Aber so ziemlich am Anfang meines Karate -Do`s.
Die Verbindung dieser doch sehr harten Wirklichkeit des – Kampfes – und des Älterwerden`s mit der Wirklichkeit des Schönen darin ;eben der Poesie macht mir den Blick auf einen Teil des “Weges” scharf!
Karate-Do …der Weg der Leeren Hand ..
Anläßlich des Themas vom Älterwerden fällt mir dabei eine Interpretation, ein Zusammenklang mit diesen Bibelworten, die zu Beerdigungen ihren Sinn finden ,ein: aus Staub bist du geschaffen; zu Staub kehrst du zurück..oder so. Du weißt was ich meine..?! aus der Leere in die Leere – und ich denke, glaube das ist nicht nur im Bibeltext oder im Asiatischen Philosophischen Raum durchaus positiv Lebensbejahend u. Lebensunterstützend gemeint.
So viel ich weiß,hatten haben auch Funakoshi und andere Shians und Senseis einen Sinn für die Dichtkunst.
Deswegen erlaube ich mir als meinen Beitrag und Unterstützung sowie Dank ,für deinen Dieter,Blog,
meinen Kommentar mit Gedichten zu schliessen. (leider nicht meiner eigenen Quelle entsprungen)
Oss! Marcel

Engelsgespräche vermeint`ich
Als Kind in den Blättern zu hören,
Vom Winde bewegten;
Liebesgeflüster dann später.
Erynnisch Geraune vernahm ich
Mitten in Kämpfen des Lebens.
Nun, wenn mein Abend
Dem Abend des Tages begegnet,
Den leise die Winde begleiten,
Wenn`s rauscht in den dunkelnden Blättern,
Dann höre ich wieder
Die Engel.

Otto Fränkl-Lundborg

LEBENSLIED

Gestirne, mit Lichtfittichen schnell atmende,
Dem Kinde nah wie Winterblumen, dem Reifenden
Von Jahr zu Jahr entschwebend hell in heiliges Nichts –
Wie kommts, daß ihr euch wieder naht und irdisch
glänzt?
Treu dient der Mann dem dunklen eisernen Erden –
Kern
Und glaubt sich gern allein mit sich und seinem Tag.
Doch dafür lenkt ihr ihm urmächtige Scheine zu
Und segnet ihn sanft ein in euer Gleichgewicht.
Ja, fehl geht Fernsucht, starr ist Äther, – tu dein Werk,
O Freund, bis es dir federleicht wird und entfliegt,
Und frag nicht viel, wie schwer es wiegt in fremder
Hand!
Nimm hin die Stunden wie ein andrer! Neige dich
Einer Geliebten! Liebe Kinder schenkt sie dir
Mit Augen voller Sonne. Sie bauen dir ein Grab
Mit lichteinsaugend schwarzen Schmerzensbäumen
einst,
Nah deiner Stadt, nah deinem Strand, – was willst du
mehr?
Du aber führst sie auf die Heimatberge hin,
Wo Wolken sich umschimmern, sich umschatten weit
Und Adler schrein im blitzenden Gewitterstrich.
Der Blick wird groß vom Ferne-Schaun, und nüchtern
wächst
Das Herz. Auch lockeres Gartenland, ein übrig Teil,
Verleih den Kindern! In die kleinen Hände streu
Die grauen Blumensamen! Wenn ein Reis entspringt,
Gebiete, daß sie es behüten sommerlang!
Ermutige sie, an Herrliches, das noch nicht ist,
Zu glauben und sich innig dafür zu bemühn!
Es kommt ein Tag, da wenden sie sich von dir ab.
Ihr Leben steigt und füllt sich aus mit Eigentum,
Und zackige Türme, flammentragende, rufen sie
Zu Tat und Fest. Fern treibt sich auch dein Werk
dahin.
Im rollenden Mittag, einst gleicht es dir nicht mehr.
Der Weg entbiegt sich. Überschritten ist ein Ring.
Oft fühlst du dich besprochen und weißt nicht, von
wem.
Ja, wie aus goldemer Welt in diamantene Welt
Gerätst du dir. Und riesig stehn die Sterne da.
Erkenne nun das Glück, das du mit ihnen teilst!
Denn wie zuweilen sich verschiebt Planetenbahn,
Weil irgendwo ein unbekannter größrer Stern
Den andern zieht mit wundertätiger Herzenskraft,
So wirbt um dich ein Brudergeist verborgen groß,
Der jugendlich in eigner Sphäre träumend brennt
Und dein bedarf, obgleich viel herrlicher als du.
Dem weihe dich! Brich auf zu letzter Wanderung!
Dann kehrt dein Morgen wieder, wandernd wirst du
neu.
Doch sträubst du dich, so altert gleich in dir der Gott,
Und eine schöne Erde bringst du in Gefahr.
Nimm wenig mit!
Was du gesammelt hast an Waffen und Geschmeid,
Die Masken auch, durch die sich oft das Leben hält,
Laß alles hier! Du näherst dich dem Strom, wo hoch
Auf Orgelpfeifen von weißem Feuer die Brücke steht,
Die glühende, die nur einmal sich dem Geist erbaut –
Betritt sie kühn! Es treibt eine Harfe aus hellem Eis
Auf dunkler Flut, von Sternkristallen dicht gefügt,
Die tönt. Und wenn sie an den feurigen Pfeilern
streift,
Oh, schrecklich-selig dröhnt die ganze Brücke dann.
Du aber, in ewigem Klingen, schwingst dich feurfest.
Was an dir mühsam ist, als Asche fällt es ab.
Geh weiter! weiter! Du bist auf dem rechten Weg.

Hans Carossa

OSS, lieber Dieter,

ein sehr interessanter und bewegender Text, dem ich gerne noch eine berühmte Bibelstelle hinzufügen möchte:

“Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:
eine Zeit zum Gebären / und eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen,
eine Zeit zum Töten / und eine Zeit zum Heilen, / eine Zeit zum Niederreißen / und eine Zeit zum Bauen,
eine Zeit zum Weinen / und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz;
eine Zeit zum Steinewerfen / und eine Zeit zum Steinesammeln, / eine Zeit zum Umarmen / und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,
eine Zeit zum Suchen / und eine Zeit zum Verlieren, / eine Zeit zum Behalten / und eine Zeit zum Wegwerfen,
eine Zeit zum Zerreißen / und eine Zeit zum Zusammennähen, / eine Zeit zum Schweigen / und eine Zeit zum Reden,
eine Zeit zum Lieben / und eine Zeit zum Hassen, / eine Zeit für den Krieg / und eine Zeit für den Frieden.”
(Nachzulesen in Kohelet, 3)

Kommentare sind geschlossen.