Vom Ende des Kampfes

[ Vom Ende des Kampfes ]

Es ist nun schon etliche Jahre her, ich war damals noch im Außendienst tätig und viel im Auto unterwegs, da konnte ich eine Situation erleben, die ich seither nicht mehr aus dem Gedächtnis verloren habe:

Auf einer gut ausgebauten Landstraße setzte der Wagen vor mir zum Überholvorgang an, übersah den schnell nahenden Gegenverkehr, oder überschätzte die Beschleunigungsfähigkeit seines PKW. Ein wieder Einscheren war ab einem Zeitpunkt nicht mehr möglich, die Kollission schien nahezu unausweichlich. Beide Fahrer bremsten mit Vehemenz und kamen, einem Wunder gleich, wenige Meter, fast schien es mir Zentimeter, voreinander zum Stillstand. Ich war dem Geschehen unmittelbar nahe und wurde Zeuge eines wunderbaren Moments. Nein, kein Hupen, nein, kein Geschreie, keine wilde Gestik – die beiden Fahrer sahen sich an, lächelten, hoben die Hand zum Gruß. Ein Spurwechsel, beschleunigen und jeder fuhr wieder seiner Wege.

Würde ich ähnlich agiert und reagiert haben? Nun, ich weiss nur, dass es bestimmt sehr angenehm wäre, mit diesen beiden Menschen einen Abend im guten Gespräch zu verbringen.

Wie anders jedoch erleben wir in der Regel solche oder ähnliche Situationen, ob auf der Straße, dem Radweg, selbst im Kaufhaus und vielen anderen alltäglichen Begegnungen. In unserem Alltag, im Beruf wird zumeist Durchsetzungskraft gefordert, wird ein Spiel der Dominanz gespielt, gilt der Sieg als oberste Maxime. Wir kennen Sprüche, wie “das Recht des Stärkeren”, “Erfolg ist das Parfum des Mannes”, “der Obere regiert” und maximal als kleiner Trost, “der Klügere gibt nach”.

Wie immer, wenn ich etwas besser verstehen lernen will, überlege ich mir, was wohl das Karate hier zu sagen hat.

Ich bemerke, dass ich in meinem Training zu einem hohen Prozentsatz Angriffstechniken übe. Erkenne, dass das Karate, wie es zumeist praktiziert wird, ein Angriffskarate ist. Dies rührt meiner Meinung nach daher, dass die Verbreitung des Karate, auch in Deutschland, im direkten Zusammenhang mit dem sportlichen Wettkampf stand. Ich erlaube mir diese Aussage, war ich doch viele Jahre direkt als Wettkämpfer national und international dabei; eine sehr wertvolle Zeit. Aber, wie ich es kürzlich so treffend gehört habe: “nur ein Krümel von der ganzen Pizza”.

Die Punktevergabe im Sport ist dem Angriff zugeordnet. Stellen wir uns ein Fußballspiel vor, in welchem beide Mannschaften nur verteidigen wollen; der Ball würde am Anstoßpunkt liegen bleiben und das Spiel hätte keinen Inhalt. Gleiches gilt natürlich auch für den Wettkampf im Karate. Daraus resultierend erhält der erfolgreiche Angriff eine positive Wertung, die erfolgreiche Abwehr wird nicht gewertet. Zu großes Ausweichen, gar das Verlassen der Kampffläche wird negativ gewertet, zu große Inaktivität gleichermaßen.

Widerspricht das nicht allen Idealen, die wir mit dem Weg des Karate, dem viel zitierten Karate-Do in Verbindung bringen? Ideale, wie sie in den Dojo-Kuns vorgetragen werden, wie z.B. Höflichkeit, Bescheidenheit, Charakterbildung, Selbstbeherrschung und Geduld?

Im Karate gibt es den Begriff des Ippon. Nach der Tradition ist dies die Technik, die mit einem Schlag tötet. Ich übertrage diesen Gedanken gerne dergestalt, dass der Ippon den Kampf beendet. Im sportlichen Wettkampf nach den Regeln des Shobu Ippon ist dies die Technik, welche den Sieg bringt; im Training sollte jede Technik nach diesem Prinzip der höchsten Konzentration geübt werden; in der Selbstverteidigung ist es die Handlung, welche den Schlußstrich setzt. Ausweichen, Abwehr, Konter, Angriff; all diesen Aktionen und Reaktionen ist im Karate eines unbedingt gemein, das ist der Grundgedanke der Verteidigung. Die rechte Geisteshaltung macht es aus. Im höchsten Ideal dann Ainuke, der gegenseitige Rückzug – nicht zu kämpfen.

Sport braucht einen Sieger bzw. eine Siegerin, Karate braucht das meiner festen Überzeugung nach nicht.

In diesem Sinne leben zu können bedarf es außergewöhnlicher innerer Stärke. Ich darf von mir bestätigen, dass ich die dafür nötige Kraft, Gelassenheit etc. noch nicht ausreichend entwickelt habe. Eine Möglichkeit, der von mir persönlich gewählte Weg, ist das hingebungsvolle Training des Karate, körperlich und mental. Und gerade die sich nur über das intensive Training offenbarende geistige Komponente erfordert es meiner Meinung nach, dass wir uns auch immer wieder in Grenzsituationen begeben; Grenzsituationen, die uns schonungslos den Spiegel vorhalten, die uns in einer Art und Weise in Schwingung bringen, dass wir uns selber erkennen, uns in diesem Erkennen zur Reife bringen.

Daher bin ich stets von großem Dank erfüllt gegenüber Trainingspartnern, welche sich mit großem Spirit in eine Begegnung mit mir einbringen, die mich zutiefst fordern und somit diese Innenschau erst möglich machen.

Wenn das Kampferlebnis in seiner Intensität fordert, dass man sich zurückziehen muss auf das Wesentliche, wenn es nicht mehr möglich ist, sich dem vielfältigen Technikspiel hinzugeben, sondern man immer mehr Einschränkungen hinnehmen muss, bis hin zu dem Gedanken die Kontrolle über die Begegnung zu verlieren, dann machen sich die dem eigenen Wesen ursprünglichsten Emotionen, Ängste auf, in den Vordergrund zu treten. Dann will man sich auf das verlasssen, was man ja schon immer in solchen Situationen gemacht hat. Der offensive Charakter wird den Angriff probieren, der defensive Charakter die Verteidigung oder den Konter. Doch wäre vielleicht in der ein oder anderen Situation genau die gegenteilige Verhaltensweise angebrachter gewesen. Wie schnell schwindet in Grenzsituationen der Überblick, das Gleichgewicht, die Gelassenheit. Wir verkrampfen, verlieren die Selbstbeherrschung, werden fremdbestimmt.

Manchmal, so erfahre ich aus Gesprächen, werde ich als kumitebegeistert wahrgenommen. Ich erlaube mir zu gestehen, dass ganz im Gegenteil es mich immer Überwindung kostet, wenn ich mich dem intensiven Kampf, sei es auf Meisterschaften oder in Trainings hingegeben habe bzw. hingebe. Doch gerade in diesem bewussten Einbringen in eine Grenzsituation treten meine tiefsten Eigenheiten zu Tage, wird mir gewahr, wo meine Schwächen, aber auch wo meine Stärken sind. Ich entfalte mich förmlich vor meinen eigenen Augen.

Eine in diesem Sinne denkwürdige Schilderung habe ich gelesen:

Einen Schmetterling betrachtend, der sich mühevoll durch das kleine Loch seines Kokon zu zwängen versuchte, erweiterte in bester Absicht ein Mann das Löchlein, um dem Schmetterling das Schlüpfen zu erleichtern. Der geschlüpfte Schmetterling erwies sich jedoch als flugunfähig, seine Flügel waren verkümmert. Später hat der Mann erfahren, dass sich die Flügel eines Schmetterlings nur dann komplett entfalten, wenn dieser sich durch das enge Löchlein zwängen musste. 

Öfters wird zu mir gesagt, dass ich, sobald ich den Gi trage, ein anderer Mensch sei. Ja, in diesen Zeiten bin ich mehr denn je Lernender, Forschender, neugierig nach den unendlichen Tiefen der Kunst des Karate, des Lebens, meines Selbst. Wohl der einzige Kampf, der sich lohnt ausgefochten zu werden. Bekommt in diesem Sinne nicht auch der Begriff der Kampfkunst eine neue Bedeutung?

Sehr oft findet man auch in langjährigen Karateka negative Anhaftungen, die so gar nicht mit den beschriebenen hehren Zielen übereinstimmen, ich mache da sicher keine Ausnahme. So ist der Mensch. Jedoch zu wissen, was der Weg wäre, ist gleich dem Sprichwort: “Ein bisschen wach ist immer noch besser, als nur zu schlafen”.

2 Antworten auf „Vom Ende des Kampfes

OSS! Herzlichen Dank, lieber Dieter Ruh. Für deine Blogs. Wiederum für deinen Mut, dich zu zeigen … dich selbst, in deinen Gedanken u. Worten.
Es ist Sonntagnachmittag und ich genieße deinen Blog wie das Anhören eines klassischen Musikstücks. Und zwar weil ich bei beidem, der Musik und auch beim lesen deiner Worte,
das angenehme … aber auch dynamisierende Impact von eigenen Gedanken u. Impulsen bekomme.
Das von dir dieses mal behandelte Thema, mit dem Schwerpunkt auf Karate “Vom Ende des Kampfes”, läßt auf kompetenter Ebene eigentlich keine Stellungnahme von mir zu.
Trotzdem fühle ich mich emotional so wie auch gedanklich-geistig davon angesprochen. Das will ich dir, lieber Dieter, einfach nur mitteilen.
Karate ist für mich Kampf. Wie das Leben Kampf ist oder und sein kann. Nun bin ich aus dem Alter heraus, dass ich den sportlichen Aspekt des Karate-Kampfes noch einer persönlichen besonderen Betonung beimessen kann u. muß. Sondern der mehr dsziplinäre, “lebensführende” real-philosophisch-erfahrende Teil des Karate-Do überwiegt in seinem Einfluß auf mich. Ohne natürlich den dabei adäquat geschuldeten körperlichen Einsatz zu vernachlässigen oder gar davon zu trennen.
Ok. Zu einem Punkt gelangend, hört der Kampf nie auf. Nicht im Karate nicht im Leben. Ein Ende des Kampfes ist nicht “wesentlich” darin angelegt.
Oft kann ich es auch so empfinden, dass der “Kampf” mich trägt. Er wird zur elementaren Lebenserfahrung. Und in der erlebten Aktion, im sich selbst im Kampfe wahrnehmend, zu einer Seinsgrundlage.
Da ich nun ein Selbst, ein Ich bin und damit auch die Möglichkeit einer Reflektion habe, fange ich an zu hinterfragen. Den Sinn im Geschehen zu suchen, die Selbst-Wahrnehmung, in der Eigen-Identität und der Selbst-Verständlichkeit auf einen begehbaren Weg zu bringen.
Der Kampf führt vom “Aussen” zum “Innen”. Gegen, (ja, nein, nicht nur den Schweinehund) – mich selbst und die “Notendigkeit” aus meinem “Ich” ein “Selbst” zu formen. Der Abstand von meinem Ego hin zu (m)einem Selbst … ist -denke- ich die meditative, die “innere” Auseinandersetzung, der ganz persönlich auszufechtende Kampf.
Da ich nun nicht die “Grösse” eines Dalai Lhama, eines Funakoshi, oder gar eines Christus habe, den Weg dorthin aber (und damit weit über meinen eigenen Schatten gehend), für den zu beschreitenden und heilsamen erachte, wird mein “Kampf” nicht enden. Vielleicht, dass Erkentnisse, Selbst-Erkentnisse, mir es ermöglichen, den Kampf immer weniger destruktiv, immer weniger “tödlich” und immer mehr konstruktiv und immer mehr lebendig zu führen.
OSS! Vielen dank, nochmals für die Inspiration und merci für deine Aufmerksamkeit.
Marcel

“So bist du mehr denn Abraham?
So bist du mehr denn ein Prophet?
Was machst du aus dir selbst, Mensch ohne Scham?”

Der Christus drauf: “Mein Ich vergeht
wie eures. Doch, der aus ihm spricht,
Er, den ich sehe und ihr nicht seht,
der Gott, zu dem ihr im Tempel fleht,
und der hier eure Tempel bricht,
der Vater, der hier vor euch steht
im Sohn – vergeht mit diesem nicht.
Ich gehe und bleibe, verwerde und bin, –
fasst ihr ihn nicht, den Sinn
des Drei-Einigen? …”

Da hoben sie Steine auf, ihn zu steinigen.

Ch. Morgenstern

Danke für den wundervollen Blog! Im Moment praktiziere ich leider kein Karate in einem Verein und bilde mich hauptsächlich mental weiter 😉 Nach längerer Suche endlich ein vernünftiger Blog über Karate 😉

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