Vom Gegen- zum Miteinander

[ Vom Gegen- zum Miteinander ]

In seinem Buch “Die leere Hand” beschreibt Kenei Mabuni (10. Dan Shito Ryu) die Technik der Flammenwolke aus der Jigen-Schwertschule. Diese Technik zielte auf eine besondere Geschwindigkeit des Schwertschlags ab. Der Schlag soll wohl in einer Zeitspanne von ca. fünf hundertstel Sekunden erfolgt sein. Das wäre tatsächlich eine unglaubliche Geschwindigkeit, bedenkt man, dass ein Wimpernschlag etwa doppelt so lange benötigt.

Ich stelle mir zwei Schwertkämpfer der Vergangenheit vor, die sich mit erhobenen Schwertern in Schlagdistanz gegenüber stehen. Bei der Geschwindigkeit des zu erwartenden Schlags ist es unmöglich, auf eine Bewegung zu reagieren. Denn jeder Gedanke und jeder Sinn wirken zu langsam, um eine Reaktion auszulösen.

Wer sich schon einmal intensiv dem Kumite gewidmet hat, der kann vielleicht meine Erfahrung nachvollziehen, dass sich gleichsam eine Glocke über Kumitepartner*in und einen selbst legt. Man taucht in das Gegenüber ein, betrachtet und betrachtet doch nicht, agiert manchmal dergestalt, dass im Anschluss nur die Verwunderung über das bleibt, was gerade geschehen ist.

So in etwa, aber noch um ein Vielfaches intensiver, kann ich mich in etwa in die oben gezeichnete Situation unserer beiden Schwertkämpfer einfühlen. In zwei Kontrahenten, die in diesem ungewöhnlichsten Moment eins geworden sind. Greift hier der Begriff der Leere?

Ich wünschte mir, dass die Beiden schließlich den Weg des Ainuke gewählt haben, den Weg des gegenseitigen Rückzugs. Weiß ich doch selber, dass gerade nach härtesten und intensivsten Begegnungen auf der Kampffläche oder im Dojo, ein Gefühl entstehen kann, welches ich nur mit höchstem Respekt oder gar Zuneigung zu dem Menschen titulieren kann, mit dem und durch den man zu diesem tiefen Erleben kommen durfte.

Warum ich diese Gedanken hier in Worte fasse? Es mag an der Weihnachtszeit liegen, dass in mir der Wunsch vorherrscht, dass das Gegeneinander zu einem Miteinander wird. Wie wir uns in den Kampfübungen des Karate in unser Gegenüber einzufinden lernen, so mag dies auch im Alltag mehr und mehr ein Weg sein zum individuellen und gegenseitigen Glück.

(Dezember 2018)