Vom Gleichen im Vielen

[Vom Gleichen im Vielen]

Es ist – vielleicht werden wir diese Zeilen irgendwann einmal lesen ‚es war‘ – die Zeit der Covid-19 Pandemie.

Was mir schon immer viel Freude gemacht hat, ist nun das Gebot der Stunde – das Training in kleinsten Gruppen, oder eben alleine.

So finde ich nahezu täglich Erfüllung im Training in der Natur. Hauptsächlich in der Übung von Katas. Ich konnte mir nie vorstellen, wie bereichernd diese Form des Trainings sein kann. Vielleicht auch eine Frage der Erfahrung und des Alters. Es ist wunderschön, auf Wegen, kleinen Lichtungen, am Strand oder wo auch immer, die Bewegungen und Techniken auszuführen, die Dynamik und die Spannung zu fühlen, der Entspannung nachzuspüren. Balance und Stabilität sowie Stände variieren mit dem Untergrund und dem Schuhwerk. Eine stets wechselnde Herausforderung, welche die volle Aufmerksamkeit erfordert. Eine Konzentration, die manche ‘Meditation in der Bewegung’ nennen; diese unbedingte Achtsamkeit, die das Rasen der Gedanken im Kopf jeweils für eine kurze Zeit zur Ruhe zwingt, nenne ich  „Urlaub vom Ich“.

Vielleicht ist dies die wahre Essenz des Karate, bzw. der asiatischen Künste im Zeichen des Zen?

Manchmal konzentriere ich mich in meinem Training auf wenige Katas, aber oft übe ich alle mir bekannten Katas hintereinander. Über die Jahre habe ich etliche Katas erlernt, die z.T. auch aus anderen Stilrichtungen stammen, ebenfalls nicht so verbreitete Shotokan-Katas. Was mir mehr und mehr auffällt ist, dass die Prinzipien, welche hinter den Techniken und Bewegungen zu erkennen sind, sich in nahezu allen Katas ähneln.

In der Erkenntnis dieser Gleichsamkeiten in den vielfältigen Katas, wird mir wieder einmal bewusst, wie sehr sich immer wieder aus dem Karate Rückschlüsse auf das Leben im Allgemeinen ziehen lassen.

Wir erfahren doch täglich die Vielfalt der Existenzen, jedoch ist es uns bewusst, dass jegliches von den gleichen Prinzipien des Lebens durchdrungen ist?

Gerade in schwierigen Zeiten ist vielen Menschen die Gemeinschaft zu groß, die Verbundenheit allen Seins zu komplex, das Wir zu viel. Man zieht sich auf das Ego zurück, grenzt aus, gebärt nationalistische Kollektive und deucht sich in dieser Enge vermeintlich sicher.

Im Karate steht oft, gerade bei jungen Menschen, die Zeit des Wettkampfes am Beginn des Karatelebens. In dieser Phase konzentrieren wir uns auf wenige Techniken, um diese auf der Kampffläche besonders gut zu beherrschen. Wir üben wenige Katas, um die Kampfrichter von unserem Vortrag zu überzeugen. Erst Jahre danach erkennen wir, dass das Karate, welches wir in der Wettkampfzeit trainiert haben – um es mit den Worten von Fugazza Sensei zu sagen – „nur ein Krümel von der ganzen Pizza“ war. Die unendliche Vielfalt des Karate erschließt sich erst mit den Jahren des unentwegten Trainings.

Gleichermaßen erschließt sich uns die Größe der Existenz erst im achtsamen Bewusstsein, dass jegliches mit allem untrennbar verbunden ist.

Das fällt nicht immer leicht. Und auch mir fällt es oft sehr schwer Konrad Adenauer zu folgen in seiner berühmten Aussage: „Nehmen Sie die Menschen wie sie sind – andere gibt’s nicht.“

Gerade, wie ich diese Gedanken festhalte, sitze ich im Aussenbereich einer Bar in Ligurien. Am Nebentisch vier junge Menschen, die ihre Mittagspause beendet haben und nun (zur Corona-Zeit) ihre Gesichtsmasken anziehen, um an der Theke zu zahlen. Ein Zeichen selbstverständlicher Solidarität.

Ich erinnere mich an einen Zwischenstop auf einer Raststätte in Frankreich. Wir waren mit Kleinkind unterwegs. Eine Gruppe Jugendlicher setzt sich an den Nebentisch, die meisten zünden sich eine Zigarette an. Ein Mädchen deutet auf unser Kind in der Trage, die Gruppe steht unisono auf und setzt sich an einen entfernten Tisch. Auch hier ein deutliches Zeichen des Gemeinsinns.

Ich bin sicher, dass wir alle von solchen Momenten der kollektiven Begegnung berichten können. Nur werden diese bereichernden Momente zu leicht von den negativen Erlebnissen überdeckt.

Jedoch so, wie es für Karateka gilt: „a karateka never stops training“, so sollte es für uns Menschen gelten, dass wir niemals aufhören uns bewusst zu machen, dass alles mit allem verbunden ist, dass das Prinzip von Ursache und Wirkung ein allumfassendes ist.

Ein kleines Gedicht hierzu habe ich verfasst:

Der kleinste Stein ins Meer gefallen,
Lässt Wellen werden, wirkt,
Die See wird nie mehr wieder sein,
Als bis du ihn geworfen.

Des Menschen Tun und Denken,
Ja, aller Dinge Sein,
Lebt weiter ohne Ende,
Zur Ewigkeit hinein.

(Dieter Ruh)