Vom Herbst, oder von der Ernte

[ Vom Herbst, oder von der Ernte ]

Vor wenigen Wochen bin ich mit dem Zug durch den Schwarzwald gefahren. Die späte Nachmittagssonne hat die Gegend in ein leises Licht getaucht, einem Aquarell gleich die Farben sanft gezeichnet, dem Auge unaufdringlich dargereicht. Bereits abgeerntete Felder wechselten mit noch grünen Wiesen, gingen über in sich schon herbstlich schmückendes Laubwerk. Ein kleiner Fluss schlängelte sich nahe den Gleisen dahin, zerteilte dann die Auen und verlor sich meinem Blick. Eine liebliche, stille Welt. Eine Stille, welche ich nicht mit den Ohren gehört, vielmehr in meinem Innern gefühlt habe.

Wollte ich den Jahreszeiten Töne zuordnen, so wäre der Frühling erfüllt von tausenden Klängen, undefinierbar, nicht differenziert wahrnehmbar, ein wunderbares Konzert des Erwachens, ein Jung und ein Alt, ein Lachen und ein Singen, ein Summen und ein Klingen. Der Sommer wäre von ungestümen Lauten bestimmt, Glockenklang, Musik voller Rhythmus, laut und beherrschend. Der Herbst nun hört diese sommerlichen Klangwelten aus immer weiterer Ferne, sie entfernen sich mehr und mehr und werden ein leises Flüstern; fast einem Verstummen gleich, dann im Winter.

Geht es uns Menschen nicht ähnlich? Während der Frühling und Sommer unsere Sinne nach dem Außen lenkt, locken uns Herbst und Winter wieder zu uns zurück, fordern uns auf, das Erlebte zu reflektieren, das Jahr vor unseren Augen vorbeiziehen zu lassen, nachzudenken, abzuwägen. Doch ist in diesem Besinnen kein Vergessen, sondern vielmehr ein Erinnern, auch ein Bewahren, ein Nachfühlen der Wärme, die nun nicht mehr dem Außen entspringt, sondern aus unserem Innern zu uns kommt, die uns sanft umfasst, beruhigt und erfreut.

Seit etlichen Jahren gleiche ich auch mein persönliches Training den Jahreszeiten an. Im Frühling und besonders im Sommer lege ich viel Wert auf die Dynamik der Techniken, stehen Beweglichkeit und Schnelligkeit, Fußtechniken im Vordergrund, während im Herbst und Winter ich mich dann mehr auf Kraft, Stabilität, Kime konzentriere.

Allerdings birgt das die Gefahr, dass über die Konzentration auf diese einzelnen Komponenten der Blick für die Gesamtheit verloren geht. Denn ist nicht der Herbst die Zeit der Ernte? Die Frucht, in der sich der Frühling und der Sommer, die Sonne und die Wärme schlussendlich erst zeigt?

Ich selber trage körperlich ja nun auch schon mehr vom Herbst denn vom Sommer oder gar dem Frühling in mir. Doch ist die Erinnerung, alles was mir widerfahren, was erlebt ist, zu jeder Sekunde präsent, hat mich erst an diesen Punkt meines Lebens gebracht. Verliert nicht auch der Winter in diesem Denken seine Kälte im spannenden Bewusstsein, dass ich dann dereinst das ganze Jahr, das ganze Leben in mir beheimatet haben werde, vollendet, rund?

In dieser Erkenntnis bekommt auch das Training im Wandel der Jahreszeiten für mich einen neuen Wert, wird zu einer Treppe, die es sich lohnt, zu erklimmen, Stufe für Stufe untrennbar verbunden, immer höher hinauf zu neuer Sicht – auf das Karate und das Leben.

PS: Trainingseinheiten im herbstlichen Wald inspirierten mich zu einem Video des Trainings der Kata Tekki Shodan. Hier der Link zum Video