Vom inneren Schweinehund und vom Wohnwagenprinzip

[ Vom inneren Schweinehund und vom Wohnwagenprinzip ]

Früher sicher mehr als heute, habe ich eine Trainings-‘Strategie’ angewandt, welche folgendermaßen aussah: Ich habe mich in der ersten Hälfte des Trainings so intensiv dem Training hingegeben, dass ich nach dieser Zeit schon fast völlig verausgabt war, um dann die zweite Hälfte des Trainings rein mit Willenskraft und möglichst gleich bleibender Intensität weiter zu trainieren.

Die reine Trainingslehre mag das sicher kritisch betrachten, eventuell als Übermotivation oder Raubbau mit dem Körper abtun, vielleicht gar den Trainingserfolg in Frage stellen. Dem würde ich nicht in jedem Fall widersprechen wollen. Doch hat sich auf diese Weise mein Spirit immer weiter entwickelt, hat sich eine Grundhaltung des ‘ich schaffe das’, vor allen Dingen ein Ausschalten hinderlichen Denkens und ganz besonders ein Schweigen des sogenannten ‘inneren Schweinehundes’ herausgebildet.

Mit fortschreitenden Lebensjahren akzeptiere ich, dass ich ggf. das ein oder andere Mal ein wenig kürzer treten, mehr der Vernunft gehorchen sollte. Jedoch bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass es ein dienlicher Weg ist, mehr über sich selber zu erfahren.

Nun, das ist meine Art; was mir jedoch auffällt ist, dass häufig sehr zurückhaltend Karate geübt wird. Zurückhaltend in dem wörtlichen Sinne, dass etwas zurück gehalten wird. Es ist für viele Menschen offenbar sehr schwierig, sich einem Tun völlig hinzugeben, sprichwörtlich aus sich heraus zu gehen. Als ob ein Gummiband die Technikausführung hemmt und verkrampft, ein Übermaß an Denken das freie Geschehen bremst. Vielleicht ist es der Gedanke, mit den Ressourcen haushalten zu müssen; man weiß ja nie, was die Zukunft bringt. Oder aber, dass es uns wohl sehr schwer fällt, einfach nur mal völlig im Hier und Jetzt aufzugehen.

Wer sich bereits in der Meditation versucht hat, kennt das Phänomen, dass erst im Loslassen der Gedanken und des Denkens sich die Weite der meditativen Erfahrung auftut. So erscheint mir auch ein Ziel im Karate zu sein, sich immer mehr in ein Tun hinein zu bewegen, welches über das Denken hinausgeht.

Ich meine verfolgen zu können, dass manches Training recht kopflastig ausgelegt ist, dass dem theoretischen Wissen mehr Wert beigemessen wird, als dem vielfachen Üben scheinbar einfacher Abläufe. Das mag damit zusammen hängen, dass man versucht ist, das Training interessant, vielfältig und spannend zu gestalten.

Jedoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass es gerade das Training von im ersten Augenschein profaner Techniken ist, was das Karate so vielfältig macht. Das mag paradox klingen, doch in der hundert- und tausendfachen Wiederholung werfen sich laufend neue Fragen auf, Fragen, die sich erst im weiteren hingebungsvollen Training zur Antwort führen lassen, wobei sich dann neue Fragen auftun usw. – so dass selbst lebenslanges Üben einer einzigen Technik oder Kombination in der Vielzahl ihrer Varianten und Anwendungen keine vergeudete Zeit wäre.

Ich glaube, dass im Karate der Geist mehr durch den Körper lernt, als durch das Denken; ja, dass erst, wenn wir des Denkens leer sind, sich uns die Essenz des Karate erschliesst.

Vor etlichen Jahren war ich stolzer Besitzer eines Wohnwagens, was meinem Freiheitsdrang und meiner Reislust sehr entgegen kam. Zu der Zeit, ich gestehe es, war ich ein Mensch, der Schwierigkeiten damit hatte, Ordnung zu halten. Jedoch, zu meinem Erstaunen, sobald ich die häusliche Wohnung mit dem Wohnwagen getauscht hatte, hielt ich in dem kleinen rollenden Domizil peinlich Ordnung. Und, mit der Zeit und den Jahren, wurde Ordnung für mich etwas, was mir keine Mühe mehr macht, vielmehr sehr wichtig ist.

Wie im Kleinen, so im Großen – dies gilt, so meine ich, hochgradig auch für das Karate. Wie wir im Dojo trainieren, mit welcher Geisteshaltung, mit welcher Hingabe wir üben, mit welchem Respekt wir den Trainingspartnern begegnen, alles wirkt in uns nach. Ich nenne dies für mich ‘das Wohnwagenprinzip’.

Wenn ich über uns Menschen nachsinne, dann sehe ich so viel Gutes einerseits und auch so viel erschreckendes andererseits vor Augen. Ich stelle mir den Menschen als ein rohes Ei vor, dessen schwer fassbares Innere lediglich von einer dünnen und brüchigen Schale aus Charakterschulung, Disziplinierung, ethischer Bildung, Werten etc. gezähmt ist. Soll ich das Ei in Watte packen, oder soll ich versuchen, die dünne Schale immer weiter zu verfestigen, dass sie nicht mehr so zerbrechlich ist in den Unwägbarkeiten des Lebens?

Dient das Karate in seiner Ausprägung als Selbstverteidigung in diesem Sinne vielleicht gar nicht so sehr dem Schutz vor anderen, sondern vielmehr dazu, uns vor uns selbst zu schützen?

EIne Frage, über die es sich lohnen könnte, nachzusinnen.