Vom Kampf gegen sich selbst

Man liest, hört in Erläuterungen und sieht auch in Videobeiträgen viele Interpretationen zum Thema Karate sei Zen in der Bewegung, über das Do, den Weg in den fernöstlichen Kampfkünsten, über die sogenannten traditionellen Werte und vieles mehr.

Auch mich treibt seit vielen Jahren der Gedanke und die Frage immer wieder um, was denn nun tatsächlich der elementare Wert, der humanistisch wertvolle Aspekt sein kann, der sich hinter der immer wieder auf‘s neue in diesem Zusammenhang doch paradoxen Beschäftigung mit dem Kampf verbirgt.

Was soll denn hier denn auch nur ansatzweise ethisch sein, wenn man Techniken erlernt, welche darauf abzielen in Anwendung Menschen körperlich zu schädigen. Nun, wir sanktionieren dies mit dem Hinweis, dass es der Selbstverteidigung dienen soll einerseits und betreiben diese Kampfkunst als sportlichen Wettkampf andererseits. Auch legen wir den Kampfkünstlern ein moralisches Manifest ans Herz, welches es zu befolgen gilt. Das sind alles gute Dinge, ganz abgesehen davon, dass das Training der Kampfkünste körperliche und auch geistige Fitness begünstigt und, nicht zu vergessen, Freude macht.

Doch ist es dies, ist dies alles, was die Meister*innen uns überliefert haben, was sie über Generationen entwickelt haben, was sie mit dem Begriff des Do, des Weges gemeint haben?

Gerne sehe ich mir Videos an, in welchen alte Meister ihre Kunst zeigen. Das ist zumeist ein Vortrag einer Form resp. Kata, mit oder ohne Waffe. Mich wundert manchmal, dass die Dynamik, die Geschwindigkeit, die Energie nicht so deutlich wird, wie es ob der hohen Meisterschaft, trotz fortgeschrittenen Alters, doch eigentlich zu erwarten wäre. Doch schaue ich mir die Sequenzen dann wiederholt an, so zeigt sich, dass die Meisterschaft weniger im äußeren Schein, als vielmehr in der geistigen Haltung zu finden ist.

Gehen wir nochmals einen Schritt zurück und betrachten wir das Wesen des Kampfes. Welchen Wert hat denn eigentlich das Kämpfen? Gilt es der Selektion des Überlegenen nach bester darwinistischer Manier? Ist es das besondere Parfüm, welches dem Sieger anhaftet? Nun, viele Antworten mag man hier ins Feld zu führen.

Nicht jeder Kampf endet mit dem Tod des Unterlegenen, glücklicherweise, gilt es anzufügen.

Jedoch was wäre, wenn wir den Kampf unter diesem finalen Gesichtspunkt des Kampfes auf Leben und Tod betrachten würden. Tod oder Leben, die einzig möglichen Alternativen. Welche Geisteshaltung würde dies voraussetzen? Wie kann man einen solchen Kampf bestreiten, ohne in Furcht zu erzittern und damit von vornherein zu unterliegen? Zu dieser Frage erlaube ich mir auszuklammern, dass man dem Kampf ggf. auch ausweichen könnte.

Kampf auf Leben und Tod. Zu wissen, dass der nächste Moment das Ende der eigenen oder der anderen Existenz bedeutet.

Man stelle sich zwei Duellanten vor, die mit erhobenem Schwert bereit stehen, den entscheidenden Schlag zu tun. Die völlige Konzentration auf das Jetzt und Hier, die Lösung von jedem anderen Gedanken, das Loslassen jeglicher hemmenden Emotion. Um dies zu bewirken, wird selbst vom Ego, vom eigenen Ich befreit. Ein Zustand, wie er von den Roshis des Zen-Buddhismus in der Erfahrung des Satori, der Erleuchtung, beschrieben wird.

Ist dies der Do, der Weg? Diese Erfahrung? Müssen wir Kampfkünstler den Kampf auf Leben und Tod suchen um den tiefsten Aspekt der asiatischen Kampfkünste zu erfahren?

Genau aber hier liegt der unglaubliche Wert der asiatischen Kampfkünste, so diese sich uns als ein Lebens-Weg offenbaren. Denn es gilt nun „einfach“ die beiden oben skizzierten Duellanten zu ein und der selben, zur eigenen Person zu machen. Das Lösen vom Ego, das Lösen von negativen Emotionen und letztlich das Lösen vom Leben und somit der Urangst vor dem Tod.

Wer sich auf dem Weg der Kampfkünste bewegen will, sollte bewusst sein, dass die erworbenen Fähigkeiten niemals zum Schaden anderer Menschen dienen, sondern dass jeder Schwertstreich, jeder Fauststoß, jeder abgeschossene Pfeil immer nur ein Ziel hat, das eigene Ego. Oder, wie Eugen Herrigel seinen Meister in dem Buch ‚Zen in der Kunst des Bogenschiessens‘ zitiert: „Jetzt eben ist die Bogensehne mitten durch sie hindurch gegangen“.

* * *

PS: Es ist noch anzumerken, dass ich als der Autor dieser Zeilen, mich auch nach fast fünf Jahrzehnten intensiven Bemühens um die Kampfkunst des Karate, noch tausende Meilen von der wahren Erkenntnis und Erfahrung sehe, doch bin ich mir des unschätzbaren Wertes des Do, des Weges, bewusst. So gesehen sind selbst kleine Schritte ein Teil des Weges und der Werte voll.

Dieter Ruh

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