Vom Prinzip des Karate

[ Vom Prinzip des Karate ]

In dem wunderbaren Buch „Abt Munho“ (*) habe ich zwei Anekdoten gelesen, welche ich hier gerne mit Dir teilen möchte:

A) Ein Mönch sieht seinen Meister einen Fächer benutzen, tritt vor ihn und fragt, dass der Wind doch von seinem Wesen her beständig sei, es keinen Ort gäbe, den er nicht erreicht und warum der Meister dann einen Fächer benutze. Der Meister erwidert seinem Schüler, dass dieser nur wisse, dass der Wind beständig sei, aber vom Prinzip, dass der Wind keinen Ort verfehle, hätte er nichts verstanden. Der Mönch fragt nach diesem Prinzip und als Antwort benutzt der Meister den Fächer.

Das ist ein wenig schwierig zu erfassen. In der Quintessenz sagt diese kleine Geschichte jedoch aus, dass wer versucht ohne fortwährende Praxis eine Lehre zu verstehen dem gleicht, der hofft, durch bloßes Grübeln über die Beschaffenheit des Windes zu einer frischen Brise zu kommen.

B) An einer reich gedeckten Tafel sitzen hungrige Menschen mit ihren Esstäbchen und beginnen zu essen. Allerdings gibt es eine Hürde, denn die Essstäbchen sind 1 Meter lang, es ist folglich unmöglich die Speise in den eigenen Mund zu befördern. Ein großes Chaos, Hauen und Stechen beginnt, keiner wird satt.
Welch eine Freude, als die Menschen dann beginnen mit den langen Stäbchen sich gegenseitig das Essen in den Mund zu schieben, bis alle satt werden.

Verhält es sich nicht auch im Karate so, dass wir uns manchmal lieber den Duft des Karate um die Nase wehen lassen, als uns in der Praxis des Trainings Tag für Tag zu bemühen immer weiter in die Lehre einzudringen?

Karate ist ein körperlicher Weg – und Karate ist ein geistiger Weg. Der körperliche Weg im Karate schützt uns vor einer übertriebenen Vergeistigung; der geistige Weg im Karate bewahrt uns vor vor primitiver körperlicher Handlung.

In diesem Wechselspiel zwischen Körper und Geist, zwischen  permanenter Verbesserung der Fähigkeiten des Kämpfens einerseits und fortwährender Reflektion über das Wesen des Kampfes andererseits, finden wir zum Wesen des Karate. Erst in diesem andauernden Tun werden wir mehr und mehr das Prinzip des Karate erkennen lernen.

Der körperliche Anteil wandelt sich mit den Jahren. Stabilität, Zentrierung, Wechselspiel zwischen Spannung und Entspannung usw. treten mehr in den Vordergrund und nehmen die geistigen Aspekte mit. Wo früher der wilde Ehrgeiz war, stellt sich das Selbstvertrauen nach vorn, Aggression tauscht sich mit Gelassenheit, wildes Tun findet Ruhe etc.

Aber eines möchte ich nochmals aus tiefstem Herzen betonen: Karate ist kein theoretischer Weg, Karate ist nicht im Kopf zu begreifen, Karate muss praktiziert werden; hingebungsvoll nach allerbestem Vermögen, jeden Tag ein wenig besser. Erst wenn sich auf diesem Weg die Erkenntnisse „im Bauch“ sammeln, erst dann können wir davon sprechen, das Karate, oder vielleicht einen Teil davon, verinnerlicht zu haben.

Kampfkunst Karate – ein Weg zur kollektiven Persönlichkeitsentwicklung? Fast schon paradox anmutend, zeigt sich gerade in der Ausübung und dem Wesen des Kampfes (Kumite), im vermeintlichen Gegeneinander, der soziale Aspekt der Kampfkunst.

Je konzentrierter das Kumite ausgeführt wird, getragen von größtem Spirit, umso größer ist auch die Kraft der indiviuellen Erfahrung und der Erkenntnisse, welche wir aus der Begegnung mit dem Trainigspartner  bzw. -partnerin ziehen. So wird die Verbeugung zur Dankbarkeit, zum wahr empfundenen Respekt.

Dies gilt natürlich nicht ausschließlich für das Kumite. Wie oft schon hat mich der Spirit einer  hochmotivierten und engagierten Trainingsgruppe über eigene Schwächephasen hinweg getragen.

Das Prinzip des Karate? Die praktische Übung mit Körper und Geist

Und dann … was ist Karate? Alles ist Karate

(*) Quelle: Abt Munho; Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH; ISBN 978-3-8270-1338-5

Eine Antwort auf „Vom Prinzip des Karate

Das sind sehr schöne Worte. Ja, Karate hilft jedem auf seine Weise. Jedem, der sich auf den Weg macht und zulässt davon berührt zu werden, dem hilft das Karate-Training die eigene Balance zu finden. Wer zu sehr “vergeistigt” ist, findet auf dem Weg, dass es ohne “das Fühlen”, das Praktische kein Weiterkommen gibt. Der praktisch Veranlage hingegen merkt, dass es ohne das “Geistige” kein Vorankommen geben kann. Man trifft sich immer in der Mitte um weiterzukommen. Danke, dass ich das durch das Training bei Dir im Kaimon Dojo lernen konnte :-).

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