Vom Sinn des Kampfes

faust_300Ein Gedicht, welches ich bereits vor einiger Zeit verfasst habe, beginnt mit folgenden Zeilen:

Der Welt Gesetz, das ist der Kampf, nicht zu umgehen, hat´s den Schein,
der Mensch jedoch, der kann bedenken, ob es denn wirklich muss so sein …

Gedanken, die mich immer wieder umtreiben, befasse ich mich doch nahezu täglich körperlich und vor allen Dingen gedanklich mit der Kunst des Kämpfens, der Kampfkunst Karate. Immer wieder stellt sich mir dabei die Frage, wie Budo, der Weg des Kriegers und des Kampfes, mit den ethischen Ansprüchen der Gewaltlosigkeit zur Deckung zu bringen ist.

“Der Welt Gesetz, das ist der Kampf”! Was mich zu dieser Feststellung motiviert hatte, war eine Wanderung durch den heimatlichen Wald; volles würzig duftendes Grün, Freude durchströmte mich ob dieser friedlichen Welt, Harmonie kam in mir auf im Einsaugen der lieblichen Bilder und Gerüche, der sonnendurchwirkten Auen. Doch stand mir plötzlich vor meinem inneren Auge, wie trügerisch dieser Friede doch wohl sei, wo doch im ersten Betrachten unbemerkt und nahezu still, mich umgebend ein gnadenloser Wettbewerb um Licht und Nahrung, Fortbestand der eigenen Gattung, Abwehr von Widersachern und Parasiten tobte. Und machen wir Menschen nicht permanent die gleiche Erfahrung, dass wir uns einem Lebenskampf ausgesetzt fühlen, im Wettstreit nach Status, Geld und Gut, was uns Sicherheit und Wohlergehen garantieren soll?

“Der Welt Gesetz, das ist der Kampf, nicht zu umgehen, hat´s den Schein”! Macht es unter diesem Gesichtspunkt nicht absolut Sinn, sich dergestalt zu stärken, dass man diesen Kampf jederzeit erfolgreich bestehen kann, eine Niederlage nicht mehr fürchten muss? Eine so effiziente Kampftechnik, wie sie das Karate bietet, erscheint da bestens geeignet, Körper und Willenskraft zu trainieren, Techniken zu erlernen, die unseren Selbsterhaltungstrieb auf das vortrefflichste unterstützen.

“Der Mensch jedoch, der kann bedenken, ob es denn wirklich muss so sein”! Im Nachsinnen über die Kämpfe der Welt erscheinen jedoch Bilder von Gewalt, Krieg, Leid und der Wunsch nach einem Ende dieses unseligen Geschehens macht sich nur allzu berechtigt in uns breit.

Und wieder wandern meine Gedanken zu meinem Erleben im Wald, sehe ich das Geschehen mit anderen Augen, sehe, dass es eine Welt des Werdens, des Wandels ist. Was ich als Zerstörendes, Verdrängendes wahrgenommen hatte, erscheint mir von einem Mal als Gedeihendes. Ich erkenne für mich, dass nicht Sieg das Wesen der Natur ist, sondern im Wettbewerb das Streben nach Weiterentwicklung, nach Perfektion.

Nicht Sieg das Ziel des Wettbewerbs? Der Parasit, der seinen Wirt besiegt, entzieht sich letztlich seiner Lebensgrundlage, zerstört sich selber. Kampf ohne Streben nach Sieg?, ist das möglich? Wie ist das zu verstehen in Momenten, in denen ich mich z.B. der Selbstverteidigung oder Hilfeleistung stellen muss? Ich denke, es ist eine Frage der geistigen Einstellung. Wie ich ein Geschwür aus meinem Körper mit raschem Schnitt entferne bzw. entfernen lasse, so gilt es diese Situationen ohne Groll oder gar Hass schnell und im rechten Mass wirkungsvoll zu beenden. Ein Sieg? Manche mögen es so nennen, ich möchte es als Notwendigkeit betiteln.

So gilt es meiner Meinung nach zu unterscheiden zwischen einem destruktiven, zerstörenden Kampf und einem konstruktiven, förderlichen Kampf. Genau hier setzt mein Verständnis des Budo ein. In früheren Zeiten haben sich die Kampfkunstexperten, der Bekannteste ist wohl der Schwertkämpfer Miyamoto Musashi, Duellen auf Leben und Tod ausgesetzt, um sich auf dem Weg des Budo zu vervollkommnen. Nun, das ist heute nicht mehr zeitgemäß, doch der grundlegende Gedanke bleibt bestehen, überliefert in den traditionellen Formen, den Katas.

Karate ohne das intensive Training des Kumite erscheint mir als eine Hülle ohne Inhalt. Dabei ist nicht der Sieg das Ziel, sondern das stete Entwickeln, das Werden und Gedeihen, das Fortschreiten. Das Ziel ist der Weg, der Weg ist das Tun, das permanente Üben. Um diesem Tun Ernsthaftigkeit zu verleihen, das Spielerische zu nehmen, gilt es Techniken zu entwickeln, die keine Fragen in der Effizienz offen lassen und somit im Partnertraining abgestoppt werden müssen, die wirkungsvolle Blocks erzwingen, eine sichere Deckung erfordern. Unterstützt wird diese Qualität dadurch, indem keine Schutzausrüstung verwendet wird. Basis, wie ich meine und Schlüssel auch für das Erfassen der Katas in ihrer vielfältigen Dimension. Wie der Bildhauer durch seine Schläge mit Hammer und Meißel in mühevoller Arbeit sein Kunstwerk erschafft, so lernen wir, formen wir im Kampf unser eigenes Selbst.

In diesem Sinne noch ein paar Zeilen aus meinem Vers:

Willst du dann nicht mehr kämpfen, musst du ein starker Kämpfer sein, doch setz die Kraft nicht gegen andere, nur gegen dich alleine ein.
Und lässt du ab nach Sieg, Besitz und Macht zu streben, siehst du des Lebens Freude, erkennst des Friedens Segen.

… nun, so werde ich wohl noch sehr viele Jahre schweisstreibende Stunden im Dojo verbringen, mich üben im Werden und Gedeihen, lernen mit der Hoffnung Schrittchen für Schrittchen vorwärts zu kommen auf dem anspruchvollsten Weg – zu mir.

3 Antworten auf „Vom Sinn des Kampfes“

Oss! Hallo Dieter.
Es freut mich das ich diesen Newsletter über, “vom Sinn des Kampfes” bekommen habe.
Beim blättern im “Newsletter” habe ich gesehen ,das du dich noch zu mehreren Themen, wie z.B., Angst.Tapferkeit usw. geäussert hast. – Das finde ich gut. Vor allem weil du einen persönlichen Bezug zu den Themen herstellst und die Themen welche sind, mit welchen sich denke ich jeder einmal beschäftigt hat und auch immer noch beschäftigt.
Sie(die Themen) sind sehr “substanziel” und in ihrem Kern “Existenziel” was das Karate angeht so wie auch den Menschen welcher den Weg des Karate geht!
Bekomme ich deinen Newsletter auch automatisch? Wäre mir ein Anliegen. Weil ich doch nur auf Facebook, Gefält mir angeklickt habe und ich eben sehe das du noch mehr geschrieben hast, ich aber heute mit dem “vom Sinn des Kampfes” eigendlich den ersten bekam.

“vom Sinn des Kampfes” und deine Gedanken dazu, haben einen ganzen Sturm von Gedanken und Einstellungen bei mir ausgelöst. — Deinen persönlichen Einsatz finde ich mutig -und Zielführend.
Es gäbe einen ganzen Roman, den ich gerne dazu mitzuteilen hätte. Das laße ich hier lieber. Vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit und die Innere Bereitschaft, mich mit dir darüber zu unterhalten. Oss!
Den 14. Oktober habe ich mir schon im Kalender eingetragen.
Marcel

DER ACKER DER ZEIT WIRD MIT SCHARFER PFLUGSCHAR
GEPFLÜGT:
Wohin wir schaun, sind aufgeworfene Schollen;
Doch hart ist das Erdreich, – ob ihm unsere Keimkraft
genügt?
Still, sorgen wir nicht, wohin wir gesät werden sollen!
Wer weiß es denn, ob er nicht Keim für künftigen
Stern ist?
Machen wir selbst uns nur dichter und wahrer und
neuer,
Daß alles in uns vergehe, was nicht ganz Kern ist!
Und wenn uns das Erdreich nicht löst, so löst uns das
Feuer.
Hans Carossa

Hallo und Oss Marcel,

über Deinen Kommentar habe ich mich gefreut. Wir werden sicher Gelegenheit finden, uns auch persönlich zu diesem und anderen Themen auszutauschen. Den Newsletter hast Du aufgrund Deiner bereits zurückliegenden Anmeldung zu meinen News (Kontaktformular auf meiner Webseite) erhalten. Ich habe die neuen Beiträge in meinem Blog nun ebenfalls in diese News-Info eingebunden, daher hast Du diesen Newsletter zum ersten Mal erhalten. Künftig wirst Du automatisch über neue Beiträge informiert.

Viele Grüsse
Dieter

Hallo Dieter,

Vielen Dank für den wertvollen und höchst interesanten Beitrag zum Thema “vom Sinn des Kampfes”, der mich auch über dieses Thema intensiver nachzudenken, annimiert hat. Nach dem Lesen und Verstehen dieser Zusammenfassung über den “Sinn des Kampfes” und umfassende Erfahrungen des Verfassers, erlebt und betrachtet man das alltägliche Training und das Lebens noch bewusster und intensiver.

Vielen Dank nochmals und ich freue mich auf das nächste Kumite Training mit dir.

Viele Grüsse

OSS. Turhan

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