Vom Teilen

Ein Aspekt: In einem Bericht, welchen ich vor geraumer Zeit gelesen habe, wurde auf das Ergebnis von Umfragewerten verwiesen, das besagt, die Menschen in den Ländern Skandinaviens seien die glücklichsten Menschen der Welt. Eine Begründung hat mich besonders aufmerksam werden lassen, denn, so die Beurteilung, dies läge wohl an der großen Sozialkompetenz der nordischen Gesellschaften. Es wurde ein Landwirt zitiert, der ob seiner Erträge herausragend ist. Seine Aussage war, dass sein Erfolg daraus resultiere, weil er seine Saat mit den umliegenden Landwirten teile. Somit sei sichergestellt, dass kein qualitativ schlechtes Saatgut auf seine Felder gelange.

Ein Aspekt: Je länger ich Karate trainiere, es ist mittlerweile bereits viereinhalb Jahrzehnte her, dass ich diese faszinierende Kampfkunst begonnen habe, je mehr treten Elemente zutage, die jenseits des von außen Sichtbaren liegen. Ich erkenne, dass z.B. die objektiv wahrnehmbare Kraftentfaltung über Bauch und Hüfte, wie diese gewünscht ist, eine Bedeutung weit über der Optimierung von einer Angriffs- oder Abwehrtechnik hat. In unserer westlichen Kultur wird die Bauchregion weit weniger als elementares Zentrum von körperlicher Kraft und geistiger Energie wahrgenommen, als dies in fernöstlichen Kulturen der Fall ist. Was dort gewissermaßen im Genpool angelegt ist, gilt es hier nicht ohne Mühe zu erlernen. Doch ist diese Bemühung von außerordentlichem Gewinn, denn über dies Tun erfahren wir, erleben wir und bereichern wir uns um die Philosophie und das Gedankengut Asiens. Einfach so – indem wir einen Zuki üben. Ich finde das total faszinierend.

Ein Aspekt: Schon vor Jahren stand mir das Bild eines Karate vor Augen, welches ich nur zu gerne erreichen wollte. Eine Skizze eher, die ich gerne zu einem Werk gestaltet hätte, jedoch mir fehlten zur Realisierung, im übertragenen Sinne, die Farben. Inspiriert durch Meister, deren Fertigkeiten und im Besonderen deren Fähigkeit im Übermitteln des Karate hervorragend ist, verspüre ich mehr und mehr, dass sich das Bild realisiert. Ein unschätzbar großes Geschenk.

Ein Aspekt: Manchmal stelle ich mir die ganze Existenz vor, gleich einem unendlichen Spinnennetz. Wo auch immer das kleinste Zupfen auch nur die geringste Schwingung erzeugt, ist diese im ganzen Netz zu vermerken und schwingt somit auch wieder auf den Verursacher zurück. Sanft oder grob, aufbauend oder zerstörerisch, befruchtend oder destruktiv. Alles wirkt nach. Ist dieses Spüren das, was wir Gewissen nennen?

Ein Aspekt: Teilen – dieses Wort ist in der heutigen Welt der sozialen Netzwerke ein geflügelter Begriff, allerorts vorhanden, oftmals mit dem Ziel, Likes und Zustimmung zu ergattern, leider auch um Halbwahrheiten und Lügen zu verbreiten, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Doch stellt sich Dir, geneigte Leserin, geneigter Leser nie die Frage, was es denn wirklich Wert ist, zu teilen? Meine Erkenntnis ist, dass Wert ist zu teilen, was VON WERT ist. Von Wert jedoch nicht ausschließlich für einen selber, sondern vielmehr von Wert ist für die gesamte Gemeinschaft. Wachsen in der Gemeinschaft – dieses holistische Weltbild wird in jüngster Zeit immer mehr in Frage gestellt. Nationalistische Politik- und monopolistische Wirtschaftsbestrebungen, flankiert von egoman rassistischen Denkmuster finden wieder Anhänger. Übrigens, wie ich dies schreibe, befinden wir uns im Jahre 2018 und nicht 80 Jahre zuvor.

Ein Aspekt: Oftmals hindert uns am Teilen die Befürchtung, dass wir dadurch einen Vorteil verspielen, wenn wir etwas von uns weitergeben, Preis geben. Wenn ich im Karate z.B. meine Spezialtechniken und das spezielle Training hierfür mit meinen Trainingspartnern teile, so könnte ich tatsächlich befürchten, dass ich „mit eigenen Waffen“ geschlagen werde. Jedoch, was lese ich aus diesen Gedanken? Ich lese daraus die Furcht, dass mein Zenit erreicht sein könnte, es mir nicht möglich ist, mich weiter zu entwickeln. Ergo bleibe ich besser in meiner kleinen, engen, vermeintlichen Wohlfühlwelt. Doch gilt zu allen Zeiten: “Stagnation ist Resignation”. Wer sich vor Veränderung drückt, wird schlussendlich erdrückt. Wer sich nicht entwickelt, verliert. Für das Leben und das Karate gilt demnach, dass wir an der Entwicklung unserer Mitmenschen teilhaben können.

Ein Aspekt: Wie ich diesen Beitrag schreibe, meine Gedanken in Worte fasse, bemerke ich, dass die ursprünglichen Ideen sich im Verfassen der Zeilen ändern. Der Ausgangsgedanke ist ein anderer, als das Produkt der Verwirklichung. Als Trainer im Karate erlebe ich auch immer wieder, dass die ursprüngliche Trainingsidee sich im Verlauf des Trainings wandelt. Spontan ergeben sich neue Erkenntnisse, welche eine Wandlung nach sich ziehen. Im Mitteilen, im miteinander teilen, im Lehren – lernen wir.

Ein Aspekt: „Wenn die Diktatur eine Tatsache ist, ist die Revolution eine Pflicht“. Ich werte dies als einen Aufruf, sich den negativen Mächten entgegenzustellen und für die Gerechtigkeit, für Werte zu kämpfen. Es ist nicht allen Menschen gegeben die Stärke aufzubringen, für eine gute Sache zu streiten. Wir Karateka sind aufgerufen, unsere Kraft zu teilen.

Ein Aspekt: Was ist von Wert? Ich denke, dass das humanistische Gedankengut als Maßstab gelten kann. Wir finden diese Werte auch im Karate, sofern wir uns an die Weisheit jener Meister orientieren, welche den Kampfkünsten die ethische Geisteshaltung hinzu gefügt haben, die wir in der Begrifflichkeit „DO“ (der Weg) finden. Auf diesen Begriff bin ich schon in früheren Beiträgen eingegangen. „Der Weg ist das Ziel“; dieser Ausspruch ist wohl den meisten bekannt. Will meinen, dass nicht die Zielerreichung wesentlich ist, sondern die permanente Verbesserung der Persönlichkeit in der hingebungsvollen Übung einer wertvollen Kunst. Oftmals sehe ich Menschen diesen Spruch jedoch zitieren unter dem Gedanken, dass man ja auf dem Weg sei und somit am Ziel. Doch ist dies nicht das, was uns die Meister mitteilen.

Ein Aspekt: Aus Teilen wird ein Ganzes, das Ganze ist in Teilen; Ei und Same, jedes ein Teil, das nur im gegenseitigen Teilen und Annehmen das neue Leben ermöglicht; Gegensätze, Yin und Yang, bilden das Eine; jedes Teil gehört zu allem. Mir scheint, dass Teilen das Elixier des Lebens ist. Ob es süß oder bitter schmeckt, liegt ganz an uns und daran, was und wie wertvoll wir teilen.

Ein Aspekt: Ist etwas von großem Wert, so ist es nahezu eine Verpflichtung, dies zu teilen. Hierzu noch ein kleines Gedankenspiel: Wenn ein Baum umfällt und keiner sieht es, ist dies dann wirklich passiert?

 

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