Vom Weg

[ Vom Weg ]

Es ist etlichste Jahre her, wir alle waren in der Blütezeit des Lebens und saßen nach intensivem Training an einem Tisch. Die Rede kam auf mich und Ochi Sensei zeichnete mit dem Finger eine Linie auf die Tischdecke und sagte in seiner unnachahmlichen Sprache: „Dieter gehen immer geraden Weg“! Ich war erstaunt und auch ein wenig stolz ob dieser Worte. Da malte er, seine Aussage von soeben relativierend, eine weite Schlangenlinie über die vorherige Linie und ergänzte lachend: „Vielleicht manchmal so, aber immer ‘geraden’ Weg“. Wir fielen alle in das Lachen ein und hatten weiter einen vergnüglichen Abend.

Ich erinnere mich an einen Vergleichskampf in Hohenems, Österreich. Als frischgebackener Braungurt war ich in der Auswahl des Karate-Zentral-Dojo Konstanz aufgestellt. Eine große Ehre und ich war auch hochmotiviert. Meinen Kampf musste ich gegen einen Schwarzgurt ausfechten, der für seine blitzschnellen Kizami-Zuki bekannt war. Und tatsächlich, nach wenigen Sekunden schoß er diese Technik ab und traf mich am Kinn. Ich fand mich darauf hin auf dem Boden wieder, eine spontane Bewusstlosigkeit hatte mich zu Fall gebracht. Es war wohl ein sehr kurzer Blackout, denn die Kampfrichter gaben lediglich eine Verwarnung an meinen Kontrahenten und der Kampf ging weiter. Ich möchte noch anfügen, dass ich den Kampf nach zwei weiteren schnellen Zuki rasch verloren hatte.

Heute, viele Jahre nach den oben geschilderten Erlebnissen, trainiere ich immer noch mit Freude Karate. Ich trainiere nicht für Meisterschaften, übe nicht für Prüfungen, ich trainiere die Kunst des Karate für mich, sehr gerne in der Natur, finde im Training der Katas und am Makiwara zur Ruhe; erlebe, wie in der konzentrieren Übung der Techniken für eine Zeit der Gewittersturm der Alltagsgedanken verebbt, erfahre in diesen Momenten gewissermaßen einen „Urlaub vom Ich“.

 Makiwara-Training zum Thema Rotation

Es gibt viele Wege, dies zu erfahren. Oft sind es östliche Weisheiten und Wege, aber auch in westlichen Übungen findet man zu diesen Phasen der inneren Auszeit. Mein Weg ist der Weg des Karate. So, wie Musiker musizieren, Maler zeichnen, wie Menschen sich in Meditation und Kontemplation vertiefen, Kletterer den Berg erklimmen, so trainiert der Karateka auf dem individuellen Weg der Selbsterkundung die Kampfkunst des Karate. Nicht mehr und nicht weniger. Letztlich sehr einfach.

Kata ‘mon’

Wie du diesen Text liest, denkst du vielleicht, dass ich in ruhiger Erkenntnis und innerer Sicherheit meinen Weg gehe. Weit gefehlt, denn die Herausforderungen des Lebens, im Außen und im Innen, werfen auch mich immer wieder aus der Bahn.

Oben habe ich mit zwei Anekdoten aus meinem Karateleben begonnen. Sie spiegeln, meine ich, sehr gut das Leben im allgemeinen wieder. Ich gehe, ich schlingere, weiche vom Weg ab und kehre zurück, ich falle, bleibe mal kürzer, mal länger liegen, stehe irgendwann alleine, oder auch gestützt von helfender Hand wieder auf – die Welt dreht sich weiter, die Natur wertet nicht und wartet nicht, das Leben geht seinen Gang.

* * *

PS: Karate ist mein Weg, ein körperlicher Weg der Selbstfindung, der sein Wesen aus ostasiatischem Gedankengut bezieht. Eine Buchempfehlung möchte ich noch mit dir teilen: „Erkenne den Weg“ von Gitta Schreiber beleuchtet die Wegfindung aus den Denkmustern alter chinesischer Weisheitslehren, übersetzt auf die Bedürfnisse des modernen Menschen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.