Von der Erkenntnis zur Verinnerlichung

Vor wenigen Tagen in einem der gemütlichen Konstanzer Café …

Ich bekomme meinen Espresso serviert, fülle Zucker hinzu und während ich meinen Blick durch das Lokal schweifen lasse, rühre ich gedankenverloren – so nebenbei – den Zucker in den Kaffee. Und, wie ich bemerke, handeln viele andere Gäste gleichermaßen. Auch diese rühren in ihrer Tasse, den Löffel ruhig und sicher bewegend, die Milch, den Zucker, oder was auch immer für Leckereien sich in dem Gefäß befinden, unter.

Dieses Bild ließ mich tagelang nicht los. Ein Verhaltensmuster, welches wohl fast allen Menschen zueigen ist, interessiert mich immer ganz besonders.

Auch diesmal versuchte ich eine Verbindung zum Karate zu finden und tatsächlich bemerke ich bei mir, dass manchmal, ob es die Übung der Grundschule, Kata oder auch des Kumite ist, ich dies gedankenverloren tue. Es ist dann ein automatisiertes Tun, welches man als eine besondere Fähigkeit interpretieren könnte; die Wahrnehmung, dass einem das Karate so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es ‘von ganz alleine’ funktioniert.

Kennst Du das, den Spruch: “Da bin ich darüber hinaus, das macht mich nicht mehr verrückt”? Das hört man doch immer mal wieder und vermutlich hast auch Du wie ich das schon einmal so oder ähnlich geäussert. Gemeint ist, dass man ein gewisses Verhaltensmuster, welches man an sich z.B. als negativ entdeckte soweit verarbeitet hat, dass man davon nicht mehr berührt wird. Doch, wie oft kommt es dann vor, dass eine gesteigerte Anforderung, eine etwas geänderte Ausgangssituation uns genau wieder in die Reaktion bringt, welche man vermeintlich  überwunden glaubte. Ich denke, das ist sehr menschlich.

Dies zeigt aber auch auf, wie weit sich Denken und Handlung in uns oftmals unterscheiden. Im Karate, so habe ich für mich entdeckt, finden wir einen Weg, der uns befähigt sukzessive mehr und mehr eine Erkenntnis soweit zu verinnerlichen, dass ein neues Muster uns tatsächlich irgenwann zu eigen sein kann.

Der (mein) Wegweiser:

1.) Im ersten Schritt gilt es, die Technik in der Grundschule zu erlernen und zu perfektionieren. Hierzu nutzen wir das Basis-Training mit vielen Wiederholungen. Wir binden unterschiedlichste Übungen ein, konzentrieren uns auf jede Sequenz der Technik und vieles mehr.

2.) Im zweiten Schritt prüfen wir uns und erweitern unsere Kenntnisse im Üben der Form, der Kata. Die Herausforderungen an Stand, Stabilität, Kraft, Ausdauer etc. sind im Kata-Training enorm. Die kleinste Unachtsamkeit führt zu einem unsauberen Ergebnis.

3.) Im dritten Schritt dann stellen wir unsere Fähigkeiten unter Beweis. Im Kumite, den Kampfübungen im Karate bis hin zum freien Kampf, halten wir uns den Spiegel auf besonders klare Weise vor Augen. Nun sind wir nicht mehr allein der Übung der Technik und Form überlassen, was selbst bei intensivstem Training noch eine Art Komfortbereich ist, sondern werden durch unseren Kampfpartner resp. unsere Kampfpartnerin in immer neue herausfordernde Situationen gebracht, die es gilt zu bestehen.
Hinzu kommen Emotionen, wie Angst, Aggression, Überheblichkeit usw. die es ebenfalls zu bewältigen gilt. Warum? Weil man sonst den Kampf verliert!

4.) Im vierten Schritt wird die Erfahrung aus den vorhergehenden Schritten in das erneute Üben der Form, der Kata, eingebracht. In diesem neuerlichen Üben der Kata stellen wir fest, dass wir neue Elemente in der Form entdecken, die uns zuvor noch gar nicht so gewahr waren. Wir “sehen” Kumite-Elemente, bekommen neue Inspirationen in Technik und Timing etc. Unser Karate hat sich bewegt. Wo zuvor ein Nachahmen war, ist nun schon Interpretation, wo zuvor eine Idee war, ist nun Erfahrung usw.
(Hier meine ich jedoch nicht das “Hineininterpretieren’ von möglichst vielfältigen Anwendungen. Diese Art eine Kata erkennen zu wollen birgt sehr häufig die Gefahr, sich in theoretischer Vielfalt zu verlieren. Es suggeriert den Eindruck, eine Kata ‘verstanden’ zu haben. Jedoch ist eine Kata, ist das Karate nur sehr unzulänglich über den Verstand zu begreifen).
Karate ist ein in der körperlichen Übung des Kampfes intuitiv zu erfassender Erfahrungsweg. Dabei ist der Kampf im Karate niemals destruktiv. Meister/innen vieler Generationen haben es geschafft, über die hingebungsvolle, herausfordernde und oftmals harte Übung des Kampfes einen Weg der Verteidigung, Charakterschulung und Selbsterkenntnis zu entwickeln.

5.) Im fünften Schritt gilt es nun wiederum, die im oben beschriebenen Kreislauf gemachten Erfahrung in die weitere Perfektionierung der Technik einzubringen und somit einen erneuten Kreislauf zu beginnen.
Da wir gerne im Streben nach einem Ziel verhaftet sind, könnte man nun das Symbol einer sich hebenden Spirale heranziehen. Ich für mich finde jedoch den Gedanken des gleichbleibend neugierigen Schülers interessanter.
Somit stelle ich mir vor, den alten Kreislauf auszuwischen, zu löschen, zu leeren, um sodann wieder neu aufzusetzen.

Dadurch verhafte ich nicht in der Vergangenheit, hänge nicht Gedanken nach, sondern erlebe den Moment bewusst und das weitere Tun tatächlich komplett neu. Dennoch – das Erlernte, Erfahrene ist ja sowieso bereits ein Teil von mir geworden. Wie ich jede Sekunde, Minute, jeden Tag durch meine Erfahrungen ein ‘anderer’ Mensch bin, so gilt das selbstverständlich auch für mich als Karateka. Kannst Du diesem Gedanken folgen?

Nur so können wir immer wieder vom Gestern, vom Vorher loslassen und Gedanken, Erfahrungen, Emotionen den Weg bereiten “vom Kopf in den Bauch”. Von der Erkenntnis zur Verinnerlichung.

Was für das Erlernen und Erfahren einer Kunst wie die des Karate gilt, ist gleichermaßen übertragbar auf viele, vielleicht alle Elemente unseres Lebens. Vielleicht hast Du Muße und Motivation, mal darüber nachzudenken.

Ist das alles? Das ist der Weg zur Verinnerlichung, das ist DER WEG?

Lass uns noch einmal meine anfangs geschilderte Begebenheit im Café betrachten. Der Kaffee, der Zucker, das gedankenlose Einrühren des Zuckers in den Kaffee…

Was wäre, wenn wir dies nicht gedankenlos automatisiert tun würden? Was wäre, wenn wir dies zwar ohne Gedanken tun, doch als eigener externer Betrachter verfolgen würden. Ein Betrachten unseres eigenen Tuns, ohne dass wir dies bewusst steuern? Betrachten dass “ES” geschieht, gleichsam ohne unser Zutun? “ES” geschieht von selbst aus uns heraus. Die höchste Form der Verinnerlichung?

Ich wünsche Dir so sehr alles erdenklich Gute auf Deinem Weg.

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