Von der Geduld

[ Von der Geduld ]

Den Entscheid, über das Thema Geduld zu schreiben, habe ich mir länger durchdenken müssen, ist doch gerade die Geduld nicht unbedingt eine Eigenschaft, die ich in mir als herausragend vermute. Doch wurde ich in meinem Leben und gerade auch in den vergangenen Wochen und Monaten, ob gerade dieser Tugend deutlich gefordert und geprüft. Was liegt da näher, als sich tiefere Gedanken darüber zu machen.

Ich frage mich, was es denn ist, das mich immer mal wieder so deutlich in die Ungeduld treibt.

Wann sind wir da?
Diesen Ruf von den hinteren Sitzen, spätestens 10 Minuten nach Abfahrt von zuhause, kennen sicher alle Eltern. Das Ziel lange vor der Zeit erreichen zu wollen; Kindesart, die wohl weit ins Erwachsenenleben überdauert.

Muss ich denn nicht noch etwas tun, damit sich der Erfolg auch wirklich einstellt? Ich kann doch nicht einfach tatenlos zusehen!
Wer kennt es nicht, den oftmals blinden Aktionismus, den wir in brisanten Situationen an den Tag legen, anstatt vertrauensvoll den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Mach schnell, es kommt auf jede Sekunde an! Wir müssen das unbedingt schaffen!
Einer der absoluten Klassiker. Vor lauter Geschwindigkeit greift Unüberlegtheit und das Ergebnis ist meistens Chaos. Wie anders da doch die Idee, welche hinter einem mir sehr gerne ins Gedächtnis gerufenem Spruch steckt: “Mach langsam, es eilt!”

Es heißt, dass man mit den Jahren geduldiger würde. Das mag wohl stimmen, das Leben schleift die Ecken und Kanten in unserem Wesensprofil ab. Aber können wir nicht auch auf anderem Wege Geduld erlernen?

Diese Fragestellung ruft mir Situationen im Üben des Karate vor Augen und ich erkenne, wie viele Parallelen sich dabei wieder einmal auftun.

Während meiner aktiven Wettkampfzeit war ich geradezu festgelegt auf ein reines Angriffskarate. Heute weiß ich, dass ein Großteil dieses Verhaltensmusters auf der Tatsache meiner massiven Nervosität begründet war, die wiederum auf Ängsten und mangelndem Selbstvertrauen basierte; gewissermaßen eine Flucht nach vorne. Das funktionierte oftmals ziemlich gut, führte aber bei wilder Unüberlegtheit immer wieder auch zur Gegenwertung oder sogar zu Verletzungen.

Mit wachsender technischer und mentaler Fähigkeit, ist es mir heute immer mehr möglich, abwartend zu agieren, Gedanken loszulassen, die Situation geschehen zu lassen. Bekommt unter diesem Gesichtspunkt nicht auch die Grundregel von Meister Funakoshi “Im Karate gibt es keinen ersten Angriff” eine weitere Bedeutung?

Wenn ich manchmal nur wenig Zeit für ein Training erübrigen kann, dann bin ich versucht, mein Training aus zeitlicher Not heraus besonders intensiv zu gestalten. Ich möchte in der Kürze der Zeit möglichst viel erreichen. Der zweifelhafte Lohn besteht jedoch häufig darin, dass mein Körper mir das nicht so schnell verzeiht und ich dann die nächsten Trainingseinheiten vorsichtig angehen muss. Was ich daraus lerne? Meine Handlungen der verfügbaren Zeit anzupassen.

Ist in unserem Training des Karate nicht unser Ziel die technische und mentale Perfektion? Ein schwieriger Anspruch, verführt dies doch, allzu fokussiert diesem Ziel entgegenzustreben. Wie erleichternd jedoch, wenn wir uns als Trainer und Schüler klar machen würden, dass dieses Ziel überhaupt nicht erreichbar ist, dass es somit völlig unwesentlich ist, wie lange wir für dies oder jenes im Karate benötigen. Denn im Karate können wir unser ganzes Leben lang üben und werden immer wieder Neues entdecken. Das Ziel? Das Ziel ist jedes Training, jede Begegnung im und mit dem Karate, mit uns selbst.
Ist dies der Do, der Weg? Aus meiner Sicht ist es genau dies. Ziemlich einfach, nicht wahr? – und darum wohl auch so schwer.

Doch scheint es mir, gerade jetzt, wo der langgehegte Traum nach einem eigenen Dojo in Erfüllung gegangen ist, eine im höchsten Maß lohnenswerte Aufgabe zu sein, diesen Weg geduldig zu gehen. Getreu dem Motto:  Wer aufhört zu suchen, der findet.