Von der Lebensfreude

[ Von der Lebensfreude ]

Es gibt Musik, die Generationen überdauert. Die Gesangsgruppe “Comedian Harmonists”, welche in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg für Furore sorgte, hatte ein Lied in Ihrem Repertoire, welches es mir besonders angetan hat. Eine Textzeile daraus lautet: “Wenn ich wüsst’ wo das ist, ging’ ich in die Welt hinein, denn ich möcht’ einmal recht so von Herzen glücklich sein…”

Wie oft träumen wir uns doch von Ferien zu Ferien, von Urlaub zu Urlaub und von der Zeit im Alter, wenn der berufliche Alltag nicht mehr unser Leben dominiert. Wir zehren von den kurzen oder längeren Spannen, in denen diese Träume Realität werden; wenn wir die Koffer packen, das Fahrrad, das Auto beladen, den Zug oder das Flugzeug besteigen und der Fröhlichkeit der befreiten Zeit in der Ferne entgegen reisen.

Stan Schmidt, der hochdekorierte Karateka aus Südafrika, schreibt von einer Begebenheit, als ihm von einem japanischen Meister eine Skizze überreicht wurde. Darauf war ein Mann gezeichnet, der den Blick in weite Ferne richtet. Was diese Person jedoch nicht beachtet, das ist der glitzernde Stein, der Edelstein, direkt vor seinen Füßen.
Das war wohl auf Stan Schmidt bezogen. Ich denke aber, es mag ein sehr menschliches Phänomen sein, dass wir sehr häufig nicht darauf achten, was an Schätzen sich direkt vor uns befindet. Wir wenden den Blick dem fernen Horizont zu, obwohl die Erfahrung uns doch  immer wieder wissen lässt, dass wir dort sehr häufig nur eine Fata Morgana sehen.

Lernen wir nicht schon als Kind, dass wir darauf achten sollen wohin wir unsere Füße setzen, um nicht zu stolpern? Ja, die liebe Achtsamkeit. Es ist so leicht gesagt und wir hören es immer wieder aus klugen Ratgebern, lesen es als Kalendersprüche – “lebe im Hier und Jetzt”.
Unser Alltag ist überfüllt, die Informationswelle überschwemmt uns permanent, wo nur sollen wir genügend Raum finden, um Luft zu holen?

Ich denke, dass eine mögliche Antwort in den Künsten Asiens zu finden ist. Wir lesen in diesem Zusammenhang die Begrifflichkeit DO ‘der Weg’ in den verschiedenen Kunstformen. Chai-Do (der Weg des Tees resp. der Teezeremonie), Ikebana [Do] (der Weg des Blumenstellens), Kyudo (der Weg des Bogenschießens), Karate Do (der Weg der leeren Hand) etc. Allen diesen Künsten ist zu eigen, dass sie über die äußere Handlung auf unser Inneres zeigen. Gerade in den Kampfkünsten erfolgt auf diese Weise eine Transzendenz von der reinen Kampf- bzw. Selbstverteidigungstechnik hin zu einem geistigen Weg. Ein ganz wesentlicher Aspekt hierzu ist die Achtsamkeit. Die völlige Konzentration und unbedingte Hingabe auf die aktuelle Handlung, somit auf den Moment. Wir finden diese Geisteshaltung auch in den Meditationstechniken, besonders im ZEN. Nicht umsonst gilt der Ausspruch ken zen itchi ‘die Faust und das Zen gehören zusammen’ bzw. ‘Karate und Zen sind eins’.

Wenn ich mir einen schönen Platz am Ufer des Bodensees oder einen Waldweg suche und hingebungsvoll die Kunst des Karate trainiere, so befinde ich mich immer mal wieder in völliger Konzentration. Da gelingt es mir tatsächlich ab und an die komplette Achtsamkeit auf den Moment zu legen. Oder auch wenn ich in den winterlich abgekühlten See steige und eine kleine Runde schwimme, dann ist der Moment so reich präsent, dass ich für diese kleinen Zeiten wahrhaftig im übertragenen Sinn den Edelstein vor meinen Füßen finde. Ein großes Gefühl der Glückseligkeit macht sich dann in mir breit und ich erlebe sie, die pure Lebensfreude.

Vielleicht erlebst Du dies auch hin und wieder. Ich wünsche es Dir von Herzen.  Egal, ob Du Dich regelmäßig im Karate trainierst, oder ob Du andere Mittel und Wege gefunden hast, Dich in Achtsamkeit zu üben.

Ja, es liegt in der Natur der Dinge, dass der tägliche Alltag diese Augenblicke der lichten Innenschau immer wieder überspült. Und doch hält genauso oft immer auch etwas den Wogen stand und bleibt bestehen.

Mit diesem Gedanken stiehlt sich ein kleines Lächeln in mein Gesicht.

Eine Antwort auf „Von der Lebensfreude“

OSS !
Und danke lieber Dieter, für deine immer wiederkehrende Präsenz.
Als Mensch des Karate-Do.
Es tut mir jedesmal gut, deine Gedanken-Mitteilungen zu lesen.
Gerade jetzt wo eine lastende Trägheit mir das Chi…den Geist der sich bewegenden Motivation des Ka ra te do, lähmt.
Dadurch wird die Leere der Hand wieder gefüllt mit ihrem Wesen.
OSS.
Alles Gute, Marcel

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Joseph von Eichendorff

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