Von der Natur

Vor ein paar Tagen habe ich auf einer Wiese am Waldrand trainiert. Einsam und idyllisch gelegen, im Hinterland des Bodensees, eingebettet in eine leicht hügelige Landschaft. Der etwa drei Meter breite, offensichtlich wenig befahrene Versorgungsweg für die ländliche Arbeit des in etlicher Entfernung befindlichen Hofs, war noch mit dem herbst- und winterlich braunen Laub bedeckt, doch kündeten ein erstes Grün auf der Wiese und im Geäst der Bäume sowie die laue Brise bereits vom nahenden Frühling. Ein Hochstand war am Wegesrand aufgebaut, auf naturbelassenen Stämmen stabil drei bis vier Meter in die Höhe reichend.

Zur späteren Nachmittagsstunde war die Luft erfüllt vom Abendgesang der Vögel und vom Rauschen des Windes, der die Bäume zum wiegenden Tanz brachte. Mein Blick richtete sich in das dunkle Blau des Himmels und ich erblickte unter vereinzelten Wolken einen mit ruhig majestätischem Flügelschlag kreisenden Vogel.

In dieser wunderbaren Umgebung begann ich mit meinem Training, übte mich in den Angriffs- und Abwehrtechniken, den Schritt- und Drehbewegungen, wie diese die Kampfkunst des Karate ausmachen.

Wer meine Blogbeiträge verfolgt, wird sehr häufig ein Thema vorfinden – das scheinbare Paradoxum zwischen Kampfkunst und dem Wunsch nach Friede.

Während einer Trainingspause wurde mir dies wieder einmal so gewahr und ich fragte mich im Stillen, was machst du denn hier? In dieser so friedvollen Umgebung, in diesem Duft reiner Harmonie trainierst du den Kampf? Ich fühlte mich tatsächlich als Störenfried, als gleichsam deplatziert.

In diesem inneren Zwiespalt hob ich meinen Blick und ich erkannte in dem am Firmament kreisenden Vogel den Greifvogel, der nach seiner Beute späht; nahm in meinem Umkreis wahr, wie ein jedes Getier um seine Existenz sorgt, Nahrung für die Aufzucht sucht; wie eine jede Pflanze vom Willen nach Leben beseelt ist, um Licht und Wasser ringt; wie alles im ewigen Kreislauf des Werdens und des Vergehens, des Nehmens und des Gebens begriffen ist. Sah vor meinen Augen die Larven unter der Borke, von Muttertieren gelegt, um am Wirt zu gedeihen. Weiß um Abwehrmaßnahmen der Pflanzen und Tiere. Um Ausweichtechniken und Konter. Ein im ewigen darwinistischen Kampf begriffener Wandel, der Weiterentwicklung und Selektion unterworfen.

Mitgefühl regte sich in mir mit dem stolzen unbeweglichen Baum, der dem Angriff des Insekts ausgesetzt ist und vielleicht nichts mehr entgegensetzen kann; mit der Feldmaus, die Opfer des geflügelten Räubers wird, mit jedem Wesen, das vergehen muss, um anderen das Überleben zu sichern. Wie ungerecht das doch alles ist, dachte ich. Nur um im gleichen Atemzug festzustellen, dass diese Wertung nur ein nach menschlicher und ganz persönlicher Sicht angelegtes Gedankengut ist, dass vielmehr alles richtig ist, so, wie es ist.

Seit vielen Jahren sinniere ich schon über den Wert der asiatischen Kampfkünste, darüber, was diese über den sportlichen, gesundheitlichen und selbstverteidigenden Aspekt hinaus für uns abendländische Menschen bedeuten können.

Die Geschichte der Menschheit zeigt auf, dass Streit und Krieg zutiefst destruktive Handlungen sind. Agressionsbeladen, zerstörerisch und recht betrachtet, sinnlos.

Anders nehme ich an diesem Nachmittag, den ich eingangs beschreibe, die sich permanent wandelnde Natur wahr. Nichts destruktives finde ich, vielmehr ein konstruktives Werden und Gedeihen.

Ist dies nicht das innerste Wesen einer Kampfkunst, frage ich mich?

Mit dieser Frage im Herzen trainiere ich mich weiter im Kampf; trainiere den Kampf im Bewusstsein der Kunst; übe die Kunst im Erkennen des Wegs; bewege mich auf dem Weg in der Erfahrung der Natur; erblicke die Natur in ihrer Harmonie; fühle die Harmonie im Kreislauf des Seins; trachte nach der Einswerdung mit allem Sein.

Nun mag die geneigte Leserin, der geneigte Leser evtl. anmerken, dass dergestalt Erkenntnisse nicht zwingend die Beschäftigung mit dem Kampf voraussetzen, vielmehr durch eine humanistische Geisteshaltung, Meditation, soziales Wertebewusstsein etc. gleichermaßen erreicht werden können.

Das ist sicher alles richtig, mich als Mann der Kampfkunst fasziniert jedoch die Tatsache der absoluten, körperlich sinnlichen Erfahrung. Einer, ich möchte sagen, Naturerfahrung, welche in letzter Konsequenz die Gefährdung der körperlichen Unversehrtheit und in allerletzter Konsequenz den Tod mit einbezieht. Ein Naturerlebnis, wie es (für mich) nicht direkter und ursprünglicher sein kann.

3 Antworten auf „Von der Natur“

Lieber Dieter,
wohltuende Gedanken in dieser im Moment doch so aufgeladenen Welt.
Und wie immer meinen tiesten Respekt ( und auch ein bißchen Neid ) für Deinen Willen, der doch immer den inneren Schweinhund zu überwinden scheint.
Vielleicht fehlt ja nur der Anfang, dieser erneute erste Schritt am Anfang jedes Weges.
Liebe Grüße
Reinhard

OSS!
Danke Dieter für deinen Blog.
Dass ich daran teilhaben darf.
Und für deinen Mut dich in deinen Gedanken…und deine Gedanken offen zu zeigen. Auch die Verbindung immer wieder mit deinem…mit dem Do dem Weg herzustellen.
Das motiviert und gibt Impulse.
Gerade in diesen Zeiten..des verdeckten Kampfes. Der inneren Konfrontation.
Merci , bitte laß mich( uns) weiter teilhaben.
Liebe Grüße-Oss,
Marcel

Durch!

Ein Adler saß am Felsenbogen,

Den lockt’ der Sturm weit übers Meer,

Da hatt er droben sich verflogen,

Er fand sein Felsennest nicht mehr,

Tief unten sah er kaum noch liegen

Verdämmernd Wald und Land und Meer,

Mußt höher, immer höher fliegen,

Ob nicht der Himmel offen wär.

Josef von Eichendorff

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.