Von der offenen Türe und der leeren Hand

[ Von der offenen Türe und der leeren Hand ]

Dem Jahresende sich zuneigend, weicht die Zeit des Tages immer mehr der Dauer der Nacht, der Dunkelheit. Gedanken treiben mich um, Erinnerungen an Tage der Aufregung, Erinnerungen an die Nächte vor einer Meisterschaft. Oftmals war an Schlaf nicht zu denken, mein Sinnen war mit anderen Dingen beschäftigt. Und mit den Stunden, die ich mehr wartend denn schlafend im Bett lag und mir aufgeregt den kommenden Tag der Meisterschaft ausmalte, wurden die Gestalten derer, die mich im Kumite als Mitstreiter erwarten würden, immer größer, bedrohlicher. Wie könnte ich es schaffen, gegenüber diesen zu bestehen? War meine Vorbereitung ausreichend, meine Technik und vor allen Dingen mein Spirit genügend entwickelt? Viele Fragen, Ängste durchzogen meine nächtliche Stunden.

Dann der nächste Morgen, die Fahrt, der Gang zur Wettkampfhalle; ein vorsichtiges Abschätzen, taxierende Blicke und die Feststellung, dass alle potentiellen Kontrahenten Menschen waren, mal ein wenig kleiner und schmaler, mal ein wenig länger, mal ein wenig breiter als ich. Sportler, Karateka, die mit dem gleichen Ziel angereist waren, wie ich – erfolgreich zu sein, sich nach den Regeln des Wettkampfs zu messen, sich zu behaupten, im besten Fall den Sieg zu erringen.

Doch reichte diese Erkenntnis nicht ganz aus, mein Lampenfieber abzukühlen, erst das Hajime des Kampfrichters zum Start der ersten körperlichen Kommunikation auf der Kampffläche, brachte diese Emotionen zum Schweigen.

Und was davon erfüllte sich, das nächtens so sorgenvoll in Herz und Kopf gefühlt und gedacht war? Ein anstrengender Tag mit Höhen und Tiefen, auch mal mit Verletzungen, gipfelnd in einer freundschaftlich zugeneigten, geselligen Runde auf einer Party oder in irgendeinem Restaurant. Ein herrliches Gefühl, es geschafft zu haben, mit Freunden verbunden zu sein im gemeinsamen Erleben und Bestehen einer großen individuellen Herausforderung.

Wie ich die aktuellen Geschehnisse in der Welt betrachte, wächst die Erinnerung an die beschriebenen Zeiten aus meinen jüngeren Jahren wieder in mir hoch. Die lange Nacht der Ängste und Sorgen, die Selbstzweifel, Gefahren, welche sich in meiner Vorstellung von Minute zu Minute steigerten – um dann zu erleben, wie das Kartenhaus dieser falschen Emotionen einfach in sich einstürzte.

Ich habe mir vor nunmehr anderthalb Jahren nicht ausmalen können, wie sehr der Begriff der offene Tür “Kaimon”, welchen ich für meine Idee eines Dojos gewählt habe, einmal an Bedeutung gewinnen könnte. Denn dieser Name versinnbildlicht mittlerweile für mich viel mehr als ein Dojo. Er ist für mich zu einer Grundidee des Zusammenlebens und Zusammenkommens geworden. Die offene Türe, das offene Herz.

Wohl wissend jedoch, dass im Karate kein Platz für Naivität ist. Wie erst im festen Reiben der Hände die Wärme in die Finger fließt, so bedarf es eines gerüttelt Maßes an Bemühung und Hingabe, eine Entwicklung zu schaffen. Eine Menschengruppe, Menschen als Individuum und vor allen Dingen, sich selbst zu entwickeln.

Wenn ich dergestalt über das Karate in der Übersetzung des Wortes „die leere Hand“ nachdenke, so stelle ich mir eine Hand vor, die leer ist, weil sie gegeben hat und die leer ist, um empfangen und verteilen zu können; eine leere Hand, die greifen, begreifen und schaffen kann. Keine schwache Hand, sondern eine Hand, die bereit ist zuzupacken, die bereit ist, sich respektvoll zu verhalten, aber auch Respekt einzufordern – eine wertvolle, eine menschliche Hand.

Ein mich ergreifendes Buch habe ich gerade gelesen: “Herzenstimmen” von Jan-Philipp Sendker. Wunderbare Zeilen strömen aus den Seiten. Viele Worte wirken noch in mir nach. Passend, wie ich meine, zitiere ich einen Absatz:

Die Protagonisten sitzen im Teehaus …

Er nippte an seinem Tee. “Wovor haben Menschen mit Gewehren die meiste Angst? Vor anderen Menschen mit Gewehren? Nein! Was fürchten gewalttätige Menschen am meisten? Gegengewalt? Mitnichten! Wovon fühlen sich grausame, selbstsüchtige Menschen am meisten bedroht? Sie alle haben vor nichts mehr Angst, als vor der Liebe.”