Von der Suche nach dem Gleichgewicht

[ Von der Suche nach dem Gleichgewicht ]

Es ist nun schon viele Jahre her, dass ich Meisterschaften bestritten habe und dennoch erreichen mich immer wieder Erinnerungen aus dieser so intensiven Zeit. So auch vor ein paar Tagen, als ich einige Gleichgewichtsübungen auf einem Bein stehend trainierte. Ich erinnerte mich an eine Vorrunde im Kata-Wettbewerb. Angetreten war ich mit der Kata Empi, einer Kata, die ich schon viele Male vorgetragen hatte und mit der ich mich sehr sicher und verbunden fühlte. Doch bereits nach wenigen Techniken, beim ersten tiefen Vorsteppen im Kosa-Dachi verlor ich die Balance, wackelte, strauchelte nahezu. In jenem Moment war mir klar, dass an einen Einzug ins Finale nicht mehr zu denken war, die Enttäuschung darüber übermannte mich und ich brach den Vortrag ab, verbeugte mich und verließ die Kampffläche.

Auch heute, lange Zeit danach, ist mir dieses Erlebnis immer noch so präsent, als ob es gestern gewesen wäre. In mir macht sich dann die Überlegung breit, ob es richtig war, den Vortrag abzubrechen, aber vor allen Dingen, wie mir dieser Fehler passieren konnte. Die Technik hatte ich doch so viele hundert Male geübt und immer gut ausgependelt gestanden.

Pendeln – bei diesem Wort stand mir plötzlich der Begriff des Foucaultschen Pendels vor meinen Augen, literarisch meisterlich verpackt von Umberto Ecco in einem Roman, den ich vor geraumer Zeit gelesen hatte.

Das Foucaultsche Pendel, benannt nach dem französichen Physiker Léon Foucault hatte mich bei der Lektüre des Buchs sehr fasziniert, beweist doch das Experiment nichts weniger, als dass die Erde rotiert, sich im perfekten Gleichgewicht um die Pole dreht. Denke ich weiter, dreht sich die Erde ja bekanntlich wiederum selber im Gleichgewicht um die Sonne, unser Sonnensystem dreht sich wiederum im Gleichgewicht um … usw. So betrachtet, scheint mir, dass die Dinge des Universums, ja das Prinzip der Existenz überhaupt, das Gleichgewicht ist.

Nun, ich bin kein Wissenschaftler, aber als ich in diesen Gedanken so vor mich hin sann, machte sich in mir eine weitere, eine generelle Frage auf: Wenn dem so ist, dass das Gleichgewicht das Maß der Dinge ist, warum nur gerate ich immer wieder, beileibe nicht nur körperlich, aus dem Gleichgewicht, ist es so unendlich mühsam für mich, die rechte Balance, meine Mitte zu finden?

Und wieder wandern meine Gedanken zu der Vorstellung eines Pendels. Bei jeder Schwingung bewegt sich für einen kurzen Augenblick das Gewicht über den Mittelpunkt, zentriert sich in diesem kleinen Moment im Gleichgewicht; wartet man lange genug, bis die Ausschläge zum Stillstand gekommen sind, bleibt es in dieser Mitte stehen.

Fahre ich fort in dieser Betrachtung, so meine ich zu erkennen, dass nichts im Leben ohne Bewegung ist, der zeitweise Verlust des Gleichgewichts dazu gehört, ja, dass diese emotionalen und körperlichen Schwingungen, gleich dem Foucaultschen Pendelexperiment, geradezu beweisen, dass das Wesen des Lebens, auch meines Lebens, das Gleichgewicht ist. Manchmal bedarf es eben einer Zeit, bis es sich einpendelt.

Mit dieser Erkenntnis stelle ich mich auf ein Bein und – lächle!

Eine Antwort auf „Von der Suche nach dem Gleichgewicht

Lieber Dieter,

hast Du gewusst, dass unsere Erde, in einem äußerst lebensfeindlichen Weltall unterwegs, exakt in einem Jahr ihre Bahn um die Sonne vollendet haben muss (940 Millionen km mit einer Stundengeschwindigkeit von 107.280 km). Abweichungen darf es dabei nicht geben, weder in Zeit noch in der Bahn. Die Größe unseres Planeten, seine Form, seine Lage, seine Achse, seine Rotation und die damit verbundenen Geschwindigkeiten sind bis ins letzte Detail aufeinander abgestimmt. Keinesfalls darf sie hierbei aus dem GLEICHGEWICHT geraten…

Eine schöne, unvergessliche Dojo-Einweihung und für die Zukunft zahlreiche, intensive Trainingseinheiten wünscht Dir auf diesem Weg

Michael “Fuji”

OSS!!!

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