Von der Vielfalt oder von der Tiefe

[ Von der Vielfalt oder von der Tiefe ]

Da ich etwas technikbegeistert bin, beschäftige ich mich, ich bin versucht zu sagen selbstverständlich, auch mit den Möglichkeiten heutiger elektronischer Kommunikationsmittel, nutze diverse Messenger, kommuniziere über Chats, Email und den anderen mannigfaltigen Optionen der modernen Zeit.

Jedoch, so denke ich manchmal, was wäre denn, wenn ich diese vielfältigen Kommunikationswege nicht bedienen würde; wenn ich in althergebrachter Weise den Füllfederhalter zur Hand nehmen, ein wertvolles Briefpapier auf dem Tisch platzieren, mich bei dezenter Musik geruhsam voller Vorfreude setzen, alsdann wohl formuliert und voller Hingabe einen Brief schreiben würde?

Dies der unbedingten Tatsache bewusst, dass die Worte gut überlegt und im rechten Kontext zu Papier gebracht werden müssen, dass keine automatische Rechtschreibkorrektur und keine Zurücktaste Schreibfehler korrigiert; dass jeder Buchstabe sauber und leserlich geschrieben, final ist, dass das Ergebnis mit jedem Zeichen fertig vor mir wächst. Hastig hin gekritzelt führt zur Ablage in den Papierkorb, zur Wiederholung von Anfang an.

Kuvertiert, adressiert, frankiert, dem Briefkasten überantwortet und versandt. Wie viel Zeit ist wohl vergangen, seit dem ersten Federstrich? Und wie viel Zeit wird vergehen, bis eine Antwort eintrifft? Zeit, welche ggf. bereits neue Worte im Geiste formulierern lässt, welche dann in den nächsten Brief einfließen.

Auch im Karate meine ich eine Tendenz zu erkennen, welche der Vielfalt mehr Aufmerksamkeit widmet, als der Tiefe. Es mag der heutigen Zeit geschuldet sein, dass die Geduld und Muße, vor allen Dingen aber die Hingabe, welche es benötigt in die Tiefe zu gehen, nicht mehr so leicht vorhanden ist.

Wer kennt es nicht, im Spiel einen Stein über das Wasser hüpfen zu lassen, die Sprünge zu zählen und dem Tanz zu folgen, bis der Stein dann im Wasser versinkt. Ein unterhaltsames Unterfangen, lustiger Zeitvertreib und sportliche Übung an Wurfkraft und Geschicklichkeit. Ein Spiel, das keinen Gedanken verschwenden lässt über den anschließenden Drift des Steins durch die Schichten des Sees, das Erleben des Sinkens, das Eintauchen in unbekannte Welten und Tiefen.

Gleichermaßen verhält es sich mit dem Karate. Zu Beginn steht in aller Regel die Neugier, der sportliche Anreiz, die Faszination des Besonderen im Vordergrund. Es gibt viel Neues zu erlernen und wir Trainer geben auch unser bestes, die Stunden interessant zu gestalten um die Motivation zu erhalten. Eine Vielzahl von Karate-Schülern, das weist die Erfahrung, wird in diesem Stadium bleiben. Das möchte ich nicht kritisieren, jedoch gilt mein besonderes Augenmerk denen, welche über das Spiel an der Oberfläche hinausgehen wollen. Jene, in der Regel wenige, die in die Kunst eintauchen, die sich voller Hingabe fallen lassen wollen.

Ist das mit der Zeit nicht langweilig, wo ist der Anreiz etwas immer weiter Vervollkommnen zu wollen, wo doch die Vielfalt dafür steht, interessant zu sein?

Ich stelle mir wieder das oben beschriebene Kinder- (oder auch Erwachsenen-) Spiel vor. Die spaßigen Sprünge des Steins über den See, gleich einem aktiven Erkunden der Oberfläche. Und wenn der Stein versunken ist, dann nehmen wir den nächsten Stein und das Spiel beginnt von neuem.

Was wäre jedoch, wenn wir dem Stein nach seinem Tanz an der Oberfläche weiter folgen würden, sehen würden, wie er durch die unterschiedlichen Schichten des Wassers treibt? Wir würden beobachten können, dass ihm in diesem seinem nahezu passiven Tun die Vielfalt letztlich zuströmt. Selbst wenn er ab und an ins Trudeln kommt, so wird ihm die Information fast von alleine zugetragen, wird ihm Erkenntnis zuteil.

Übertrage ich dies nun wieder ins Karate, so scheint mir die tausendfache Wiederholung einer Technik tatsächlich wertvoller, als die zehnfache Wiederholung von hundert unterschiedlichen Techniken. Es geht mir hierbei weniger um die rein koordinative Verfeinerung, als vielmehr um die Konzentration auf jede einzelne Bewegung, um den Spirit bei der Ausführung der Technik, der Kata und besonders des Kumite.

Mit zunehmender Beherrschung der Techniken laufen wir jedoch auch beim konzentrierten Üben in Gefahr in einen Automatismus zu verfallen, eine vermeintliche Meisterung zu empfinden. Wenn uns dies unterläuft, so haben wir einen der meiner Meinung nach wesentlichsten Aspekte des Trainings verloren, das Bewusstsein des Schülers. Erst wenn wir diese Geisteshaltung als zentrales Element unserer Übungen bewahren, bleiben wir neugierig und es eröffnen sich immer weitere Schichten des Karate – und im Karate unseres Selbst.

Geben wir uns dergestalt hin, so zeigt sich eine fundamentale Wahrheit hinter der Kunst des Karate oder auch hinter allen spirituellen Wegen – wir erkennen das „Open End“; dass der Weg ohne Ziel ist, dass, im Beispiel des Karate, die hingebungsvolle praktische Übung sowohl körperlicher als auch geistiger Sinn und Zweck dieser Kunst des Budo ist. Mancher mag daran verzweifeln oder demotiviert den Weg verlassen, mir aber erscheint gerade diese Tatsache des ziellosen (im Sinne von das Ziel nicht erreichen) Strebens höchst spannend und voller Abenteuer.

Karate-Do, der Weg der leeren Hand – wie reich diese Hand doch ist.

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