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Die Lagune, oder von der Achtsamkeit

Winterstimmung in Valras (Südfrankreich)

Winterstimmung in Valras, Südfrankreich (Foto: Fabienne Schreiber)

Wer kennt es nicht, das Gefühl, dass nur noch dieses oder jenes zu erledigen, zu bewältigen sei und dann würde alles gut, ab dann würde alles einfacher, das Leben nähme seinen glücklichen Lauf?

Ein bewegtes Bild kommt mir in den Sinn; ein Ruderboot auf offener See, das sich durch die Gischt eines Riffs kämpft, der Kapitän konzentriert bedacht, das Gefährt an Untiefen und Gefahren vorbei zu lenken, das Ziel, die ruhige Lagune vor Augen sowie im Bewusstsein, nur noch diese letzte Hürde überwinden zu müssen und dann erwartet ihn die Freude und der Friede des geschützten Gewässers, der Lohn der überstandenen Mühen.

Je länger ich mir dieses Bild vor Augen halte, umso mehr spüre ich förmlich die weisse Wasserflut in meinem Gesicht, fühle mich von den Wogen empor getragen, nur um dann wieder in rasender Fahrt ins Tal zu trudeln. Höre das Pfeifen des ungestümen Windes, der mich umstürmt und an mir zerrt, die Gewalten der Natur, gegen die es sich anzustemmen gilt, um nicht zu fallen. Und immer wieder sehe ich vor mir die Lagune, die grosse Verheissung, das Ziel meines Strebens nach Glück.

In diesem irren Tun, den Blick standhaft in die Ferne gerichtet, übersehe ich, dass die Wellen nicht ständig hoch schlagen, der Sturm mich nicht permanent umtost, der Himmel nicht nur wolkenverhangen und trüb ist.
Öffnete ich die Augen, sähe ich vielmehr, dass zu vielen Zeiten die Sonne mich berührt, Möwenlachen mich beschallt, sanfte Brise mich bestreicht; würde mir zur Erkenntnis, dass die Lagune Trugbild meiner Zukunftsprojektion ist, im Aussen niemals erreichbar. Ich sähe, dass das wahre Wesen meines Lebens diese Fahrt in meinem Boot ist, auf die es sich für mich zu konzentrieren gilt. Dessen gewahr, würden sich Sorgen, Ängste, falsche Begierden auflösen, würde ein Lächeln sich auf mein Gesicht legen, Erleichterung auf mein Gemüt im genussvoll achtsamen Treiben im Hier und Jetzt.

Achtsamkeit im Hier und Jetzt? Vielfach in Ratgebern und Weisheiten zitiert; doch stellt sich die Frage, wie dies zu erreichen, wie solcherart Geistesgegenwart zu üben sei? Weiterlesen

Kumite und Aggression

ushirogeri“Diesem TV-Duell der Spitzenpolitiker hat es an Aggressivität gefehlt”; der Spieler oder die Spielerin, der Kämpfer, die Kämpferin sind nicht aggressiv genug in die Zweikämpfe gegangen”…

So oder ähnlich lauten immer wieder die Kommentare und Moderationen in den Medien und auch in unseren eigenen analysierenden Gesprächen. Aggression wird als ein Mittel zum Erfolg gewertet und dargestellt; wer nicht genügend aggressiv agiert, wird als nicht ausreichend engagiert angesehen.

Im Fernsehen finden wir Sendungen, in denen aggressives Verhalten den streitenden Parteien geradezu aufgezwungen wird, um einen zweifelhaften Unterhaltungswert zu steigern. Für mich ein mehr als unsägliches Unterfangen, das ich in höchstem Masse abstossend empfinde, erinnert es mich doch an die voyeuristische Sensationsgier bei Hunde- oder Hahnenkämpfen.

Aber muss denn nicht in einem Wettbewerb, gerade einer körperlichen Auseinandersetzung, wie wir es auch im Karate-Kumite praktizieren, ein gewisses Mass an Aggression frei werden; ist es denn nicht der Durchsetzungsfähigkeit geradezu förderlich, diesem Gefühl Freiraum zu lassen? Weiterlesen